Leser_innen-Interview #3: Heinrich Rehling

Leser_inneninterview by meyrose IconLiebe Leser_innen,

heute darf ich Euch einen Mann vorstellen, der Modeprofi ist:
Heinrich Rehling.

Herr Rehling führt zwei Geschäfte auf Sylt, in denen ich gerne Kunde bin. Aus den Gesprächen während der Anproben und dem Betrachten der Ware hat sich die Idee für dieses Interview ergeben, denn Heinrich Rehling ist nicht nur Mode-Einkäufer und -Verkäufer, sondern auch Leser dieses Blogs.

Lieber Herr Rehling,

seit einigen Jahren schaue ich im Urlaub auf Sylt in Ihren Geschäften in Rantum und Westerland gerne vorbei. Sie haben besonders schöne und hochwertige Ware, z.B. von Armor Lux und Bogner Fire + Ice für Damen und Herren, und beraten ehrlich. Beides schätze ich sehr. Über Ihre Sicht auf Mode und Kunden von der Händlerseite aus werden wir heute mehr erfahren.

Amor Lux bei Rehling Sylt in Westerland

Wie sind Sie dazu gekommen, Modegeschäfte zu führen? Was macht Ihnen an Ihrem Beruf besonders Spaß?

Heinrich Rehling, Privatfoto aufgenommen von Steffen Helms

Heinrich Rehling, fotografiert von Steffen Helms

Mit Mode habe ich seit über 30 Jahren zu tun, aber nicht mit dem Verkauf von Mode. 1975 machte ich meine Ausbildung zum Schaufenstergestalter. Eigentlich wollte ich nach der Ausbildung weiter zur Schule gehen oder eine zweite Ausbildung zum Koch machen. Ich teile mit Ihnen die Leidenschaft für gutes Essen und ich koche selbst gern. Meinen Eltern wäre es nur recht gewesen, denn sie hatten ein Restaurant, aber niemanden, der es übernehmen wollte. Ich hatte dann aber so gute Angebote in meinem erlernten Beruf, die ich nicht abschlagen konnte. So bin ich bei dem geblieben, was ich kann: schön machen.

1985 ging ich zu ESPRIT nach Düsseldorf. Es war eine schöne und spannende Zeit, in der ich viel lernte. Ich lernte das schöne Dinge nicht aufwendig und teuer sein müssen. Gerade das Einfache, Schlichte hat etwas Elegantes und Besonderes. Ein gutes Gefühl für Form, Farbe und Proportionen ist das A und O auch in der Mode. 1997 machte ich mich selbständig und arbeitete als Stylist für Fotografen und später für Willy Bogner als Visual Merchandiser. Ich hatte nie die Absicht, eigene Läden zu machen. Aber wie es oft im Leben so ist, kommt der Knochen zum Hund. Mein Wissen über Mode, gute Qualitäten und ein Gespür für Trends half mir sehr dabei und meine Arbeit macht mir Spaß.

Was bedeutet Mode und Kleidung für Sie? Was ist Ihnen persönlich dabei besonders wichtig?

Mode ist mir nicht so wichtig. Wichtig ist mir allerdings gute Kleidung. Ob in der Freizeit oder zu besonderen Anlässen – die Kleidung sollte passen. Kleidung sollte zeitlos sein. Ich kaufe keine Mode, sondern schöne Kleidungsstücke wie eine Sammlung, die nicht von Trends abhängig ist. Kleidung, die ich auch noch in einigen Jahren gerne trage und die nie altmodisch wirkt. Aus diesem Grund liebe ich die zeitlose Kleidung von Armor Lux, wie z.B. den Caban, den es schon ewig gibt und der zur Jeans genauso wie zum Anzug passt. So ein Kleidungsstück muss man verschleißen, denn unmodern wird so eine Jacke nie.

Zu Ihnen kommen ganz verschiedene potenzielle Kund_innen in die Geschäfte. Woran erkennen Sie, was aus Ihrem Sortiment zu wem passt?

Erst einmal lasse ich die Kundin in Ruhe schauen, das gibt mir Zeit sie zu beobachten. Was schaut sie sich an? Wie ist sie selbst gekleidet und welche Figur hat die Dame oder der Herr. Alles andere ergibt sich später, wenn ich mit der Person ins Gespräch komme. Ich würde niemals versuchen jemanden etwas zu verkaufen, in dem sich der Kunde nicht wohl oder verkleidet fühlt. Die Kunden sollen sich wohlfühlen in dem, was sie kaufen.

Wenn ich wirklich mal nicht das Passende für meine Kunden habe, vertröste ich sie aufs nächste Mal. Lieber lasse ich mal einen Kunden ohne etwas gekauft zu haben gehen, als dass ich ihm/ihr etwas verkaufe was er/sie eigentlich nicht will. Die Kunden merken sich so ein Geschäft und kommen gerne wieder weil sie so etwas zu schätzen wissen. Ich selbst würde so ein Geschäft, in dem man den Kunden unbedingt etwas verkaufen will, egal ob der Kunde damit Glücklich ist, nie wieder betreten.

Rinhelshirt in beige und weiß mit 3/4-Arm von Amor LuxBei den Sachen von Armor Lux haben Sie in den letzten Jahren das Größensortiment nach oben hin erweitert, denn die Streifen & Co. verkaufen sich auch an Frauen mit größeren weiblichen Rundungen. Mein neuestes Ringelshirt ist z.B. aus dem Bereich. Was ist für Sie schwer und was leicht dabei, einer runderen Frau die Querstreifen schmackhaft zu machen?

Ja, wir haben das Größensortiment erweitert. Nicht jede Frau trägt Größe 36. Bei den Franzosen sind die Konfektionsgrößen etwas anders, sie gehen von Größe 0 bis Größe 8, diese Größen haben einen Doppelsprung, so ist z.B. Größe 0 = 34 bis 36 und Größe 6 = 46 bis 48. Bei den Streifenshirts führen wir, wenn auch nur in geringen Stückzahlen, auch die Größe 7 und 8. Frauen mit Rundungen müssen keine Angst vor Streifen haben. Ich habe keine Ahnung wer sich den Spruch ausgedacht hat, dass Querstreifen dick machen?

Wichtig ist, wie das Kleidungsstück geschnitten ist. Beispielsweise braucht eine Frau, die Größe 48 trägt und viel Oberweite hat, ein etwas ausgeschnittenes Dekolleté. Ein zu hoch geschnittener Halsausschnitt wirkt in dem Fall zu üppig und nicht feminin. Und sollte eine Dame bei den Streifen noch immer unsicher sein, kann sie es mit Dunkelblau und kleinen Streifen versuchen. Mit der dunklen Farben kann man kleine Problemzonen sehr gut kaschieren.

Wenn Sie an Kunden Optimierungspotential sehen, wie formulieren Sie das?

In so einem Fall ist Diplomatie wichtig. Ich gebe der Kundin dann schon mal ein Kleidungsstück zur Anprobe mit der Option, es mir direkt zurück zu geben, wenn es ihr nicht gefällt. Hat sie das Teil erst einmal an, gehe ich mit ihr ihren Kleiderschrank in Gedanken durch, um zu erfahren was sie an passenden Accessoires wie Schuhen, Schmuck, Taschen usw. hat. Es klappt nicht immer, aber wenn doch, bekomme ich schon mal den einen oder anderen Telefonanruf mit einem kleinen Dankeschön. Diese Momente sind schön und bestätigen mich in meiner Arbeit.

Was sind für Sie die größten Unterschiede im Modeangebot für Damen und Herren? Worin unterscheiden sie männlichen und weiblichen Kundinnen am meisten?

Für Männer muss Mode in erster Linie eine Funktion haben. Männer wissen viel schneller, was sie wollen und vor allen Dingen, was sie nicht wollen. Haben sie gefunden, was sie wollen, sind sie viel spontaner als Frauen und fragen nicht nach dem Preis.

Frauen wissen nur selten, was sie wollen. Frauen kaufen nach Laune und mehr nach Modetrends. Mitunter können sie schon mal den ganzen Laden auf den Kopf stellen, bis sie etwas Passendes gefunden haben. Aber wenn sie das richtige Geschäft für sich entdeckt haben, sind sie sehr treue und gute Kunden.

Was wünschen Sie sich von Ihren Kunden?

Oh je, eine schwere Frage. In erster Linie, dass sie mir vertrauen und das sie mir treu bleiben. Ein besseres Kompliment gibt es nicht für ein Geschäft.

Was ist Ihr eigenes ganz konkretes Lieblingskleidungsstück?

Das gibt es nicht. Ich gehe kaum gezielt einkaufen. Alle meine Kleidungstücke habe ich eher spontan gekauft. Ich liebe sie fast alle. Die Dinge finden mich und werden so zu Lieblingsstücken. Ich habe eine Jacke, die schon fast verschlissen ist und die ich seit ewigen Zeiten mit mir rumschleppe. Das ist dann wohl ein Lieblingsstück :) .

Sie verweisen Ihre Kunden ab und an auf meinen Blog für Stylingtipps, z.B. zu den Ringelshirts und Schalknoten. Was gefällt Ihnen an meinen Stylingtipps besonders gut? Was könnte ich daran noch besser machen?

Sie sind ein wenig wie ich. Sie verschönern nicht, was nicht vorhanden ist. Sie gaukeln Ihren Lesern keine heile Welt vor. Sie geben zu, gerne zu kochen und zu essen, auch wenn es kleine Spuren an den Hüften hinterlässt. Ihre Leser können sich damit identifizieren und das macht Ihren Blog reizvoll. Machen Sie weiter so und Sie werden noch viele Leser dazu gewinnen.

Habt Ihr weitere Fragen an Heinrich Rehling? Dann stellt Sie im Kommentarfeld. Ich habe mich gefreut, einen Einblick in die männliche Sicht auf Mode aus Profisicht bekommen zu haben. Vielen Dank dafür!

Du möchtest auch gerne hier vorgestellt werden? Dann melde Dich bei mir, gerne auch als Nicht-Blogger_in!

Hier findet Ihr die bisherigen Interviews: Leser_inneninterview by meyrose.

13 Gedanken zu „Leser_innen-Interview #3: Heinrich Rehling

  1. Wenn ich mal nach Sylt komme, dann besuche ich Ihren Laden! Wie schön, wenn Verkäufer SO EHRLICH beraten. Leider findet man nur selten Verkäufer, die ihren Beruf lieben und Ihren Job (auch im Sinne des Kunden) ernst nehmen. Man macht überwiegend ganz andere Erfahrungen mit daraus resultierenden Fehlkäufen. Daraus entsteht dann unwillkürlich auch ein gewisses Misstrauen Verkäufern gegenüber. (Sorry an alle, die ehrlich sind.)
    Danke für dieses interessante Interview und überhaupt lese ich sehr gerne hier, nachdem ich ‘meyrose’ kürzlich entdeckt habe.

  2. Ein sehr sympathisches Interview mit einem interessanten Partner, liebe Ines. Schön finde ich, dass Herr Rehling sich seinen Kunden sozusagen von der Außensicht nähert. Verkaufen ja, aber nicht um jeden Preis. Er hat durch seinen ersten Beruf ja eine gewisse Distanz gelernt (das Produkt muss für sich werben durch eigene “Schönheit” und die Präsentation durch ihn) und sie sich erhalten. Und er hat gleichzeitig einen feinen Respekt für seine Kunden. Das erlaubt ihm, ihnen etwas wirklich Passendes anzubieten.
    Nur so macht Kaufen wirklich (Lebens-)Freude für den Verkäufer und die Kunden.
    Dass dies selbst online bis zu einem gewissen Grad geht, erlebe ich bei “da sempre” und bin sehr glücklich darüber.
    Mir hat es Freude gemacht, das Interview zu lesen und so grüße ich Dich und auch Herrn Rehling sehr herzlich, Sieglinde Graf

  3. “Die Dinge finden mich und werden so zu Lieblingsstücken.”
    Mein Credo – wenn frau dann noch auf so ein Verkaufstalent trifft, ist Einkauf eine fantastische Sache.
    Ich mag Verkäufer, die mich aus der Reserve locken mit Stücken, die ich mir primär nicht auswählen würde, die bei der Anprobe aber wie für mich gemacht sind. Obwohl ich meist eine recht gute Vorstellung davon habe, was mir gefällt, oder was ich kaufen will, lasse ich mich sehr gern verführen. So einen Laden hätte ich gern, leider noch nicht gefunden in Berlin!
    Ich muss wohl doch endlich mal nach Sylt kommen, schon wegen der Ringel…
    Danke für das schöne Interview!
    Herzliche Grüße
    Susanne

    • Kleiner Tip von mir. Wenn Sie es nicht bis nach Sylt schaffen, schauen Sie doch mal bei 14 OZ. BERLIN-MITTE
      Neue Schönhauser Str. 13 oder 14 OZ. BERLIN HAUS CUMBERLAND Kurfürstendamm 194, vorbei. Dort finden Sie keinen Einheitsbrei, sonder zeitlose und wunderschöne Mode und auch eine schöne Auswahl an Streifen von Armor-Lux und Saint James. Die Basic T-Shirts von Armor-Lux gibt es auch noch bei Manufactum Hardenbergstraße 4-5
      Grüße von Sylt H. Rehling

    • Vielen Dank für die Tipps, Herr Rehling, die kommen gerade recht. Bin nämlich übernächste Woche mal ein paar Tage in Berlin. Die Läden kommen gleich auf die Liste besuchenswerter Objekte ;-).
      Nach Sylt werde ich es leider in nächster Zeit nicht schaffen. Ihnen weiterhin viel Erfolg und Freude mit Ihren Läden, wünscht Sieglinde Graf.

    • Danke Herr Rehling, für den Tipp in Berlin! Am 14OZ auf dem Kurfürstendamm bin ich schon einige Male vorbeigeflitzt, das wird sich ändern und Manufactum ist immer eine gute Idee.
      Beste Grüße in den Norden!
      Bärbel Ribbeck

    • Vielen Dank auch von mir! Ich hoffe auf ebenso kompetente Beratung, wie die von Ihnen.
      Grüße
      Susanne Nagel

  4. Super Interview. Vielen Dank.
    Habe mich an die aus Hamburg stammende Besitzerin der Boutique hier am Ort erinenrt gefühlt. Meine Mutter hat einige Jahre dort gearbeitet und ich durfte des öfteren auf Modenschauen die 44/46 “laufen”.
    Die hat auch nach diesen Prinzipien gearbeitet. Und das Geschäft lief bestimmt 25 Jahre lang gut. Mit 67 hat sie es aus Altersgründen aufgegeben. Leider. Die hat immer toll “geordert” und hin und wieder durfte ich auch mit ins Modezentrum…:-)

    LG Sunny

  5. Tolles Interview liebe Ines. Ich würde ebenfalls ein Geschäft nicht mehr betreten, in dem mir etwas aufgedrängt wurde. Herr Rehling scheint sein Handwerk zu verstehen, vor allem seine Kunden. Ich selbst habe kurzfristig mal Schuhe verkauft, und niemandem etwas eingeredet. Im Gegenteil: Wenn die Schuhe nicht passten, habe ich dem Kunden abgeraten. Nur so bleibt man glaubwürdig.

    LG Sabine

  6. Lieben Dank für das anregende Interview! was mich noch interessiert- inwiefern unterscheidet sich die Kundschaft auf Sylt von anderen? Was macht ein Unternehmen anders? Ich genieße immer gern einen Aufenthalt in Nordfriesland, und einkaufen im Urlaub ist entspannter als im Alltag. Verändert das die Kundenansprache aus Ihrer Sicht? Liebe Grüße Sabina | Oceanblue Style

    • Wie Sie schon sagten, einkaufen im Urlaub ist entspannter. Allerdings kaufen die Kunden im Urlaub nicht unbedingt mehr als im Alltag. Das kaufen und verkaufen ist nur lockerer.
      Die Kunden sind im Urlaub, sie haben mehr Zeit und fast immer gute Laune und so kommt schnell eine freundschaftliche Stimmung auf.
      Eigentlich ist es ganz einfach……
      Die Urlauber sind fremd auf der Insel und kennen kaum Leute vor Ort, da ist ein wenig Entertainment gut und das bekommen sie bei mir, wenn sie sich darauf einlassen :-)
      Eine Freundin von mir sagt immer, du musst den Menschen Heimat geben und sie kommen wieder. Ich habe dadurch sehr viele Stammkunden gewonnen, denn auch das ist auf einer Ferieninsel möglich.
      Als ich vor einigen Jahren auf die Insel zog, hätte ich nie gedacht, dass es an so einem Ort so etwas wie Stammkunden gibt. Einige Kunden kommen jetzt sogar am Anfang ihres Urlaubs direkt zu mir ins Geschäft um mir zu sagen “wir sind wieder da” :-) Leute auf der Insel zu kenne bedeutet wohlfühlen, ist Vertrautheit, ist ein wenig wie nach Hause kommen.
      Es ist für uns deswegen nicht leichter an so einem Ort Geld zu verdienen. Im Gegenteil, wir müssen uns noch viel mehr Mühe geben, denn eigentlich verdienen wir nur in der Saison unser Geld. Wir arbeiten 6 Monate im Jahr, 7 Tage die Woche um die Wintermonate zu überstehen. Es ist schon eine Herausforderung, 7 Tage die Woche ein Entertainer zu sein, aber das ist der Job und den Kunden soll es im Urlaub gut gehen. Das ist wohl der Unterscheid im Verkauf zwischen Stadt und Ferienort.
      Ich würde diesen Ort nie wieder mit der Stadt tauschen wollen.

  7. Danke für dieses interessante Interview. Der Satz “ich kaufe keine Mode, sondern schöne Kleidungsstücke…” ist goldrichtig. Kleidungsstücke sollten Freude machen und sich Ankleiden Spaß machen.
    Lieben Gruß
    Sabine

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