Leser_innen-Interview #9: Stilberater Holger Röhr

Leser_inneninterview by meyrose IconLieber Herr Röhr,

wir kennen uns daher, dass ich in dem von Ihnen bis vor kurzem geführten Jacques‘ Wein-Depot Kunde bin. Bei meinem letzten Einkauf dort haben Sie sich als stiller Leser meines Blogs zu erkennen gegeben. Dabei kam im Gespräch zu Tage, dass wir künftig beruflich in ähnlichem Bereich arbeiten. Sie gehen nach 14 Jahren im Weinhandel jetzt als Stilberater einen neuen großen Lebensschritt an.

Was bieten Sie im Rahmen Ihrer Stilberatung an?

Im Moment widme ich mich den drei großen Themen: Umgangsformen, Kleidungskultur und Tischkultur. Diese biete ich als Seminarreihe in Firmen und bei den Kunden zu Hause an. Natürlich kommt auch das Thema Wein nicht zu kurz.

Langfristig kann ich mir noch weitere Themenfelder vorstellen. Zum Beispiel die Beratung des Bräutigams. Selbstverständlich darf er der Braut keine Konkurrenz machen, aber seine Kleidung muss natürlich zum Brautkleid – welches er vorher nicht sehen darf – passen. In Planung sind außerdem Tischkultur-Schulungen in Restaurants, Schulungen für Vorstellungsgespräche, Firmenbekleidung und einiges mehr.

Was verstehen Sie unter gutem Stil?

Bei den Umgangsformen ist guter Stil, wenn man auf sein Gegenüber eingeht und seine Mitmenschen mit Verstand und Augenmaß behandelt.

Im Bereich Kleidung ist guter Stil immer ein typgerechter Stil. Guter Stil hängt nicht von der Art der Bekleidung ab, manchmal ist Jeans und T-Shirt sogar besser als teure Designermode. Es gibt Menschen die haben einen guten Stil, ohne dass sie auffallen. Ich muss allerdings die Bekleidungsregeln kennen, um sie anpassen oder auch bewusst brechen zu können.

Natürlich zeigt sich der gute Stil auch bei der Tischkultur. Dort sind die klassischen Standards immer noch gültig. Beim Essen gelten zum Großteil noch die Regeln, die bereits vor Jahrzehnten richtig waren.

Was unterscheidet für Sie Knigge, Etikette und Stil?

Adolph Freiherr von Knigge hat ein ganz tolles Buch geschrieben. „Über den Umgang von Menschen“ ist auch heute noch, nach über 200 Jahren, lesenswert. Ich bin zurückhaltend, das Wort Knigge synonym mit guten Manieren zu benutzen, weil es in seinem Buch ausschließlich um die Beziehung der Menschen untereinander geht. Aber losgelöst vom Ursprung ist Knigge heutzutage für jeden ein verständliches Schlagwort.

Etikette ist ein etwas veralteter Begriff für Umgangsformen, die bei Hofe kultiviert wurden. Sie wurde festgelegt und jeder hatte sich danach zu richten. Gute Umgangsformen müssen jedoch zeitgemäß sein. Die Ansprüche ändern sich; was sich hingegen nicht ändert ist, dass man seinen Mitmenschen respektvoll gegenüber treten sollte.

Stilvolles Verhalten legt jemand an den Tag, der die Umgangsformen beherrscht. In dem umgangssprachlichen das hat Stil schwingt doch immer Bewunderung mit.

Auf Ihrer Webseite www.guterstil.com habe ich keine Hinweise zu Profilen in sozialen Netzwerken gesehen. Sind Sie dort nicht zu finden? Aus meiner Erfahrung spielen neben der eigenen Webseite Aktivitäten in den Socials eine bedeutende Rolle bei der Kundenakquise. Wie stehen Sie dazu und wie möchten Sie von Ihren Kunden gefunden werden?

Im Bereich der neuen Medien bin ich immer etwas zögerlich. Solange ich es nicht als Vorteil sehe, benutze ich es nicht. Aber ich gebe Ihnen Recht, dass das Thema heutzutage extrem wichtig ist. Alles kommt Schritt für Schritt. So bin ich seit wenigen Wochen bei XING und freue mich über erste Kontakte. Danach kommt weiteres. Im Moment finden mich die Kunden auch noch nicht, im Moment finde ich die Kunden. Ganz old-fashioned schreibe ich Briefe.

Seit ich Sie das erste Mal gesehen habe, fällt mir Ihre Kleidung äußere Erscheinung positiv auf. Daher war ich auch gar nicht überrascht, als ich von Ihrem neuen Betätigungsfeld gehört habe. Woher kommt Ihre Vorliebe für klassische Kleidung und wie hat sich Ihr eigener Kleidungsstil entwickelt?

Mein Vater trug immer maßgeschneiderte Anzüge und rahmengenähte Schuhe. Doch als Jugendlicher möchte man seinen Eltern keinesfalls nacheifern. So habe ich in den Achtzigern manch peinliche Mode getragen. Leider gibt es sogar Fotos davon … Meine Ausbildung absolvierte ich in einem klassischen Grand Hotel und begann zu begreifen, welche Wirkung Kleidung haben kann und welche Unterschiede es auch in der klassischen Kleidungskultur gibt. Da habe ich das Interesse meines Vaters für Stil verstanden und meinen eigenen Stil entwickelt. Meine Vorbilder sind die klassisch britischen Bekleidungen, der Ostküstenstil der USA, aber auch der klassische Hanseat.

Was ist Ihr konkretes Lieblingsteil im Schrank, auf das Sie am wenigsten verzichten möchten und warum?

Meine Sakkos aus Harris Tweed. Mit ihnen fühle ich mich immer richtig angezogen, egal ob zu Jeans und Rollkragenpullover oder mit weißem Hemd, Krawattenschal und Weste. Darüber hinaus liebe ich edle Schuhe. Sie sollen nicht nur gut am Fuß sitzen, sie sollen auch gut aussehen. Ein hochwertiger Schuh ist in der Herrenbekleidung das wichtigste. Meine Lieblingsschuhe sind zweifarbig-braune Brogues aus Glatt- und Wildleder.

Wenn Sie fremde Menschen auf der Straße sehen, was begeistert Sie optisch und worüber schütteln Sie den Kopf?

Es begeistert mich, wenn ich sehe, dass die Person ihr Outfit bewusst ausgesucht hat. Es muss mir nicht unbedingt gefallen, aber es muss zum Menschen und zur Situation passen. Den Kopf schüttele ich wenn die Kleidung unpassend und stilfrei ist. Ganz furchtbar finde ich Menschen, die in kurzen Hosen und Badelatschen durch die Stadt laufen. Das passt ins Schwimmbad, aber nicht auf den Jungfernstieg. Fast ein wenig bemitleidenswert find ich Fashion Victims.

Warum lesen Sie meinen Blog?

Erstens, weil ich Sie mag und schätze! Da ich Sie als Mensch kenne und nicht nur als Bloggerin, weiß ich, dass das, was Sie schreiben, ehrlich und authentisch ist. Zweitens, weil ich mir gern weibliche Blogs anschaue, da das Thema naturgemäß bei mir ein bisschen kürzer kommt. Und drittens finde ich die Themenvielfalt gut.

Welchen Satz möchten Sie den Leser_innen mit auf dem Weg geben?

„Guter Stil ist Rücksichtnahme.“

Ein hübsches Kleidungsstück ist wertlos, wenn der Mensch darin egoistisch und unsympathisch ist. Antrainierte Höflichkeiten ersetzen keine guten Umgangsformen.

Vielen Dank für das Interview. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg als Stilberater!

Hast Du weitere Fragen an Holger Röhr? Dann stelle sie bitte hier im Kommentarfeld. Ein Foto von Herrn Röhr findest Du auf seiner Webseite. Du möchtest auch gerne hier vorgestellt werden? Dann melde Dich bei mir, gerne auch als Nicht-Bloggerin!

Hier findest Du die bisherigen Interviews: Leser_innen-Interview by meyrose.

16 Gedanken zu „Leser_innen-Interview #9: Stilberater Holger Röhr

  1. Sehr interessant. Es gibt (leider) wenig Männer, die sich für Stil und Umgangsformen interessieren. Ich wünsche Herrn Röhr viel Erfolg.

    Liebe Grüße Sabine

    • Liebe Frau Gimm,

      vielen Dank für die guten Wünsche. Gern möchte ich meinen kleinen Teil dazu beitragen, dass aus den “wenigen Männern” “immer mehr Männer” werden.
      Herzliche Grüße
      Ihr
      Holger Röhr

  2. “Guter Stil ist Rücksichtnahme”, das gefällt mir sehr gut. Wie überhaupt das ganze Interview. Sehr sympathisch und stilvoll. Dass Ihr zwei Euch schätzt, wundert mich nicht.
    Das neue Geschäftsfeld von Herrn Röhr ist auf jeden Fall ein weites. Überall könnte man sich über guten Stil freuen, so man ihn denn erlebte. Ich wünsche Herrn Röhr sehr viele Kunden und Kundinnen. Auch in Schulen wäre Stilkunde ein wünschenswertes Fach.
    Man kommt zwar ohne Stil leider sehr weit und kann sich bis zum Präsidenten trumpeln, aber ich hoffe sehr, dass sich guter Stil wieder durchsetzt. Und damit auch die Rücksichtnahme. Der Firnis der Kultur ist dünn und manchmal kann einem Angst und Bang werden.
    Viel Erfolg wünsche ich Ihnen Herr Röhr, und danke Dir liebe Ines sehr für das feine Interview.
    Herzliche Grüße schickt Sieglinde.

    • Liebe Frau Graf,

      danke, danke für die guten Wünsche. Bezüglich dem Thema Schule möchte ich hinzufügen, dass ich bei der VHS Kurse für Jugendliche anbiete, und das ich mit einer Grundschulrektorin im Gespräch bin. Natürlich ist es besser gute Umgangsformen Zuhause vorgelebt zu bekommen, aber so ist es besser als nichts.
      Viele Grüße
      Ihr
      Holger Röhr

  3. Ja, heute kann man sich glücklich schätzen wenn man weiß wies geht. Und das tut man nur, wenn man jemanden hat, der es einem mitgibt. Wenn es nicht die Eltern sind, dann könnte man durchaus auf einen Stilberater zurückgreifen. Sich anständig benehmen und das nicht unangebrachter Zurückhaltung verwechseln, ist ein guter Ansatz.
    LG Sunny

    • Liebe Sunny,

      ich gebe Ihnen recht, dass man sich selbst glücklich schätzen kann, aber auch die anderen Menschen um einen herum haben es einfacher. Es ist genau was Sie sagen, gute Umgangsformen zu besitzen heißt nicht sich ständig nur zurückzuhalten. In manchen Situationen ist es unangebracht. Doch selbst beim Streitgespräch kann man die guten Umgangsformen wahren.
      Viele Grüße
      Ihr
      Holger Röhr

  4. Guter Stil als Rücksichtnahme, das ist doch der Satz der es trifft. Es gibt doch noch einige Menschen mit Stilbewustsein. Wenn man so in den Fußgängerzonen unterwegs ist hat man manchmal große Zweifel.Hab mich gerade mal wieder über unseren Unirektor gewundert , der sehr leger in Sweater und Wanderschuhen den Minister (in Anzug und Krawatte ) empfangen . War mir das bei Anschauen etwas peinlich. Da fehlt mir die Rücksichtnahme und Wertschätzung der Gäste. LG Sibylle

    • Liebe Sibylle,

      Sie sprechen mir aus der Seele. Ganz besonders Ihr Schlusssatz mit der Wertschätzung der Gäste. Kleidung ist nur ein kleines Detail in unserem Leben, aber es kann viel bewirken.
      Herzliche Grüße
      Ihr
      Holger Röhr

  5. sympathischer kollege! meiner meinung nach kann es ja nie genug beratung in sachen guter stil geben – der schlechte ist leider immer in der mehrheit…..
    wobei die männer, die ich persönlich kenne, einen umwerfend guten stil praktizieren 🙂
    xxxxx

    • Liebe Sibylle,

      Sie sprechen mir aus der Seele. Ganz besonders Ihr letzter Satz mit der Wertschätzung der Gäste. Kleidung ist nur ein kleines Detail in unserem Leben, aber es kann viel bewirken.
      Herzliche Grüße
      Ihr
      Holger Röhr

    • Aaaargh, mein Kommentar ist verrutscht! Entschuldigung. Habe ich schon mal erwähnt, dass moderne Technik und ich nicht immer harmonieren…?

    • Liebe Beate,

      herzlichen Dank! Auch ich kenne zum Glück viele Männer deren guten Stil ich bewundere. Aber es gibt auch Männer bei denen ist der gute Stil nur Fassade. Im Hotel habe ich die Möglichkeit gehabt, auch hinter die Fassaden zu schauen. Von den Menschen deren Stil man bewundert, kann man viel lernen.
      Viele Grüße aus der Heide
      Ihr
      Holger Röhr

  6. > Guter Stil hängt nicht von der Art der Bekleidung ab, manchmal ist Jeans und T-Shirt sogar besser als teure Designermode.
    Sag ich doch! 😉
    Und wenn das Label des teuren Designers auf der Bekleidung groß zu sehen ist, finde ich das oberpeinlich!
    LG
    Sabienes

    • Liebe Sabienes,

      ich empfinde wie Sie. Heute in der Bahn hatte ein junger Mann Turnschuhe an, die wie Hausschuhe aussahen. Aber Hauptsache, der Schriftzug war groß zu sehen. Noch peinlicher wird es, wenn die Herren “vergessen” das Emblem am Ärmel ihres Sakkos zu entfernen…
      Herzliche Grüße
      Ihr
      Holger Röhr

    • Auch für mich war das Interview sehr angenehm. Ich hatte mit Frau Meyrose aber auch eine äußerst nette und kompetente Interviewerin.
      Ihr Name HappyFace assoziiert etwas, was in heutiger Zeit unglaublich wichtig ist: Lächeln. Und bei 313 denke ich unwillkürlich an Donald Ducks kleines rotes Auto. Das regt ebenfalls zum Lächeln an…
      Herzlichen Gruß
      Ihr
      Holger Röhr

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