Braucht der Tod ein Gesicht?

Braucht der Tod ein Gesicht?

Bei einigen Themen dauert es ein bisschen, bis die Gedanken Sätze werden. Im Juli habe ich auf ZEIT ONLINE in der Serie 10 nach 8 den Artikel Abschiednahme: Das Gesicht des Todes aushalten gelesen. Der Artikel hat mich bewegt und ich möchte dazu etwas schreiben, vielleicht gerade weil ich eine ganz andere Einstellung dazu habe. Weil Tod und Abschiednahme Themen sind, die jeden etwas angehen – und sei es nur der eigene Tod und wie man sich da die Abschiednahme vorstellt, möchte ich dem Thema hier im Blog heute einen Platz geben.

Der Anblick eines Toten

… ist etwas, das vielen Menschen erspart bleibt und sie froh darüber sind. Andere Menschen – Berufsgruppen, die mit dem Tod zu tun haben, oder zufällige Berührungen damit wie bei Unfällen lasse ich hier außer Acht – brauchen den Anblick eines eng vertrauten Verstorbenen, um den Tod begreifen zu können und Abschied nehmen zu können.

Nicht für mich – weder aktiv noch passiv

Ich weiß ganz klar, dass ich in diesem Leben keine Leiche mehr sehen möchte. Außerdem weiß ich, dass ich nicht möchte, dass jemand aus meiner Familie oder Freunde mich als Leiche sieht. Ich möchte, dass die Menschen mich so in Erinnerung behalten, wie sie mich lebendig vor Augen hatten. Dass ich dann nicht mehr da bin, merken sie auch ohne den Anblick meiner Leiche im Kopf zu haben.

Es sind um mich herum schon sehr viele Menschen gestorben, leider nicht nur alte Menschen, die ihr Leben zu Ende gelebt haben. Einige Segelflieger haben dabei ihr Leben gelassen, zwei Menschen haben sich selbst das Leben genommen, Krebs hat reichlich zugeschlagen, Babys, ein Herzinfarkt und ein paar geplatzte Adern waren auch dabei. Einen gewöhnlichen Alterstod hatten die wenigsten Menschen, die um mich herum verstorben sind. Deshalb habe ich mich schon früh mit dem Thema beschäftigt, viel früher als die meisten anderen Menschen meiner Generation.

Die einzige Person, von der ich nach dem Tod persönlich Abschied genommen habe, ist meine Mutter. Diese Situation 2003 erlebt zu haben, gehört zu denen im Leben, die ich zutiefst bereue. Nie wieder würde ich in dieses Krankenhauszimmer gehen, wenn ich nochmal die Wahl hätte. Der Anblick der Toten hat mich jahrelang intensiv in Albträumen verfolgt, inzwischen zum Glück nur noch extrem selten. Obwohl es bald 15 Jahre her ist, habe ich den gruseligen Anblick immer noch vor Augen, dabei war es ein Krebstod, kein entstellender Unfall. Deshalb weiß ich genau: Für mich braucht der Tod kein Gesicht.

Jeder wie er mag

Ich finde es wichtig, dass jeder für sich solche Entscheidungen trifft und Bestatter auf die Wünsche der Hinterbliebenen oder den Verfügungen des Verstorbenen eingehen, denn mir ist natürlich klar, dass jeder Mensch das anders empfindet. Menschen, die anders fühlen als ich, möchten ihre Lieben vielleicht sogar selbst Waschen und bis ins Krematorium begleiten. Das Gute ist, dass das heute alles möglich ist.

Damit Deine Angehörigen wissen, wie Du das möchtest, ist es wichtig, zu Lebzeiten darüber zu reden. Im Beitrag Nach mir die Sintflut? habe ich 2016 bereits appelliert, sich nur ums Leben, sondern auch ums Ableben zu kümmern. Möchtest Du tot gesehen werden zum Abschied, wie möchtest Du wo beerdigt werden und wie soll eine eventuelle Trauerfeier aussehen?

Mich darf keiner aus dem persönlichen Umfeld sehen, wenn die Umstände das zulassen, auch mein Mann nicht. Ich möchte verbrannt und in der Ostsee versenkt werden bei Opa, Vater und Mutter. Wenn die Forschung mich billiger als eine Seebestattung will, kann die mich haben. Eine Trauerfeier braucht man für mich nicht zu machen, aber wenn das jemand möchte, bitte in bunter Kleidung. Ich kann Trauerkleidung nicht leiden, so will ich von meiner Wolke aus niemanden sehen. Weil das für mich alles geklärt ist, kann ich mich jetzt wieder dem fröhlichen Leben widmen.

Wie siehst Du das? Wie sind Deine Erfahrungen damit?

54 Gedanken zu „Braucht der Tod ein Gesicht?

  1. Guten Morgen Ines,
    schwere, aber auch wichtige Kost am frühen Morgen.
    Ich bin in einem Dorf aufgewachsen und damals wurden die Toten noch im dortigen Leichenhaus aufgebahrt.
    Während meine ältere Schwester grundsätzlich einen großen Bogen drum machte, war ich als kleines Mädchen eher neugierig auf das Gesicht des Todes.
    Das änderte sich, als mein Vater mit 57 Jahren starb. Ich war 27, mit dem ersten Kind schwanger und musste wegen vorzeitiger Wehen liegen. Damals habe ich alles zum Thema Tod erstmal weit von mir geschoben, er brauchte kein Gesicht.
    Mit den Jahren und dem weiteren Verlust lieber Menschen änderte sich meine Einstellung zum Tod und ich habe festgestellt, manchmal braucht er für mich ein Gesicht und manchmal nicht.
    Ob mit oder ohne Gesicht – der Tod ist unumgänglich, deshalb haben mein Mann und ich vor einigen Jahren schon alles soweit verfügt.

    Ich wünsche uns allen einen lebendigen Tag!

    • Ja, das ist schwere Koste am. Morgen Ich habe eine Weile überlegt, ob ich meinen Leser_innen ohne Vorankündigung zum Frühstück servieren kann. Letztlich bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich den Tod als Thema in einem Lifestyle-Blog passend finde. Er beendet sozusagen unseren Lifestyle … und wie bei vielem gibt es unendliche Gestaltungsmöglichkeiten.

      Ich komme auch vom Dorf, aber ein Leichenhaus gab es dort nicht. Auch bei Trauerfeiern kenne ich nur geschlossene Särge oder bereits Urnen, beides inzwischen oft mit einem Foto der verstorbenen Person dekoriert. Meine Vermutung ist, dass das auch heute regional recht unterschiedlich üblich ist.

      Absolut begrüßenswert finde ich, dass Dein Mann und Du Verfügungen getroffen habt. So stehen Eure Nachkommen nicht hilflos mit der Frage da, wie Ihr das wohl alles gerne gehabt hättet nach Eurem Tod. Egal wie oder sie ob es umsetzen – Eure Meinung dazu kennen sie.

      Danke, Dir auch einen lebendigen Tag!

  2. Gegenfrage: Was ist aber wenn es genau wiederum deinen Mann oder anderen Familienangehörigen oder engen Freunden persönlich sehr wichtig ist dich tot zu sehen? Welcher Wunsch/Welches Bedürfnis wiegt dann mehr, das eines Toten (in deinem Fall du) oder das der Lebenden, die genau das vllt brauchen um abschließen zu können?

    Ich habe zum Glück noch nicht so viele Tote in meinem näheren Umfeld zu beklagen. Eigentlich nur meine Großeltern und meinen Vater. Eine Oma und meinen Vater habe ich gesehen – einmal war ich 6 Jahre alt, einmal war ich 28 Jahre alt. Mich hat er – der Anblick – sehr tief berührt, aber positiv. Ich habe damit noch nie etwas negatives verbunden. Aber ja ich bin auch heute noch 3 Jahre später oft von Trauer überwältigt.

    LG
    anna

    • Völlig berechtigte Gegenfrage. Das ist keinem davon wichtig, das weiß ich. Und wenn jemand aus dem Umfeld seine Meinung ändern würde, wiegt für mich mein Bedürfnis mehr. Zwar müssen die Hinterbliebenen damit weiterleben und ich bin dann tot, aber der letzte Wille eines Menschen gehört für mich, wenn sinnvoll machbar, erfüllt.

      Dass Trauer einen noch viele Jahre später überwältigen kann, oft ausgelöst durch Winzigkeiten, kenne ich auch. Ich hatte beim Tod meiner Mutter gedacht, dass er mich intensiver treffen würde. Der Schmerz war nicht so tief, wie erwartet. Es hat aber viel länger gedauert, bis er abgeklungen ist, als ich vorher gedacht hatte.

      Wie schön, dass Du beim Ableben Deines Vaters die für Dich richtige Entscheidung getroffen hast und Abschied nehmen durftest.

  3. Mir ging es ähnlich beim Tod meiner Mutter. Es ist jetzt schon lange her, aber den Anblick bekomme ich wohl nie aus dem Gedächtnis. Von daher möchte ich auch keine Leiche mehr sehen. Wie das einmal bei mir ist, überlasse ich den Angehörigen.

    Liebe Grüße Sabine

    • Wenn ich jetzt denke, dass es schön ist, dass es Dir genauso ging wie mir, klingt das in dem Zusammenhang völlig falsch, denn ich hätte Dir das Erlebnis natürlich gerne erspart. Aber was ich meine, wenn ich das denke, ist, dass es sich gut anfühlt, mit diesem Gedanken des unerträglichen Anblicks nicht alleine zu sein. Manchmal frage ich mich, ob meine Gefühle bei dem Thema „falsch“ sind, dabei können authentische Gefühle gar nicht falsch sein, weil die meisten Menschen so anders empfinden als ich. Dass es Dir ähnlich ging, zeigt mir zumindest, dass ich damit nicht alleine bin.

    • Nein, Deine Gefühle sind nicht falsch. Den Anblick eines Toten kann nicht jeder Mensch ohne Schaden verkraften. Auch wenn einem eingetrichtert wird, dass es “normal” ist und zum Leben dazu gehört. Das empfindet jeder anders. Und das sollte man respektieren.

      Liebe Grüße Sabine

  4. Ich muss sagen, dieser Post gefällt mir sehr – ich finde, du hast tolle Worte für dieses schwierige Thema gefunden und mich auch zum Nachdenken angeregt.
    Ich hatte bisher mit dem Tod nur sehr wenige Berührungspunkte – aus meiner Verwandtschaft sind bisher nur entfernte Familienmitglieder gestorben, aus dem Bekanntenkreis bisher nur ein guter Freund. Eine Leiche habe ich deshalb noch keine gesehen und ich glaube (auch wenn ich im Falle meines guten Freundes das Bedürfnis hatte, ihn zu sehen, weil ich es so irgendwie kaum glauben konnte) das kann auch gerne so bleiben. Für mich selbst habe ich keine großen Ansprüche. ich habe bereits aktuell einen Organspendeausweis, würde meinen Körper also auch der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Denn auch wenn ich die Idee, meine Asche an einem Baumgrab beizusetzen, irgendwie schön finde – schlussendlich kann es mir egal sein, und ich möchte auch nicht, dass meine Familie horrende Kosten tragen muss, nur damit ich unter die Erde komme.
    Grüße
    Nessa
    htps://ichdupasst.blog

    • Danke erstmal für das Feedback, dass Dir der Beitrag sehr gefällt. Ich habe eine Weile überlegt, ob das Thema her passt und u.a. Dein Kommentar zeigt mir, dass die Entscheidung richtig war, darüber zu schreiben. Wie schön, dass das Leben um Dich herum so blühend ist, möge es noch lange so bleiben.

      Einen Organspendenausweis habe ich auch. Das wäre auch mal ein Thema für einen Beitrag – aber in den nächsten Wochen stehen erstmal fröhlichere Themen hier an.

      Meine Schwiegermutter hat kürzlich ihren Wunsch von einer Seebestattung auf eine Baumbestattung geändert und sich den Baum auch schon ausgesucht. Das ist auch eine Bestattungsform, die ich sehr schön finde. In der Lust verstreuen lassen, ist in Deutschland nicht so einfach und einen Diamanten mag auch nicht jeder aus der Asche pressen lassen. Trotzdem finde ich es gut, dass immer neue Formen von Bestattungen entwickelt werden. Das Leben ist individuell, der Tod darf es auch gerne sein.

  5. Puuhhh Ines, zwischen all deinen bunten Beiträgen und Fotos doch ein sehr schweres und bedrückendes Thema so früh am morgen. Ich bin ja eher hier die stille Leserin und schreibe nur sehr selten Kommentare, doch nachdem ich nun ein paar Minuten in mich gegangen bin, nehme ich dazu doch Stellung: ich bin völlig bei dir, wenn du sagst, dass es sehr wichtig ist, auch über den Tod in der Familie zu reden und nach Möglichkeit seine Wünsche über den Ablauf nach dem eigenen Hinwegscheiden zu regeln.
    Was dann die Angehörigen aber wirklich davon umsetzen, ist natürlich offen. Persönlich durfte ich bisher von 3 lieben Menschen Abschied nehmen, meinem Vater der sehr früh mit 45 Jahren verstorben ist, meine geliebte Oma und meine Schwiegermutter. Für alle war der Tod eine Erlösung und ich konnte in Stille Ihnen nochmal übers Gesicht streicheln und tschüss sagen. Für mich ein sehr emotionaler Moment, den ich nicht missen möchte.
    Ich glaube, es kommt auch auf die Umgebung an und den würdevollen Umgang mit dem Toten.

    Aber jeder kann ja zum Glück selbst entscheiden und das Richtige für sich tun. Ganz wichtig.

    Liebe Grüße Anja

    • Wenn ich mit dem schweren Thema eine stillere Leserin zum Kommentieren hinterm Ofen hervorlocke, zeigt es mir, dass es ein berührendes Thema ist. So sehr ich bunte Bilder und Worte mag, so sehr finde ich auch, dass traurige Themen einen Platz im Leben haben. Umso mehr freue ich mich über Deinen Kommentar dazu.

      Umgebung und Atmosphäre spielen mit Sicherheit eine große Rolle. Ein dezent belichteter Privatraum ist mit Sicherheit angenehmer für den letzten Abschied in Ruhe als ein nacktes 2-Bett-Krankenzimmer mit nur einem Bett morgens an einem Novembermorgen nach einer alleinigen Fahrt ans andere Ende der Stadt.

      Ich bin mir sicher, dass Eure Nachfahren Eure Wünsche achten werden!

  6. Hallo Ines,
    als mein Opa und Oma starben, wollte ich sie nicht als Tote sehen. Vielleicht war ich zu jung.
    Als mein Vater starb (er starb im Krankenhaus), bin ich in sein Krankenzimmer gegangen. Ich hatte zuerst sehr viel Angst als ich vor der Tür stand, weil ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Aber es war kein schlimmes Erlebnis. Dadurch, dass er schon einige Zeit im Krankenhaus lag, war das Zimmer vertraut für mich und ich bin froh, dass ich den Mut hatte, von ihm auch so Abschied zu nehmen.
    Der Bestatter hat uns angeboten, uns auch in dessen Räumlichkeiten zu verabschieden. Aber das wollte ich nicht. Im Krankenhaus war es okay für mich.
    Was mich viel Zeit und Tränen gekostet hat, war die Erkenntnis der Endgültigkeit. Niemals wieder mit ihm zu reden, sondern nur noch von Erinnerungen zu zehren. Das war hart und hat lange gedauert. Auch jetzt habe ich manchmal noch damit zu kämpfen.
    Wenn es dir nicht zu persönlich ist, weshalb war es so schlimm für dich ?
    Viele Grüße,
    Claudia

    • PS:
      Lange Zeit wollte ich für mich eine Seebestattung. Aber ich habe gemerkt, dass es mir wichtig ist, einen Ort zu haben, an den ich immer mal wieder hin kann (der Friedhof halt). Von daher kann es sein, dass sich meine Einstellung ändert.

    • Erstmal zu Deinem P.S.: Ich denke auch, dass man seine Meinungen zu dem Thema durch Lebenserfahrungen ändern kann. Wichtig finde ich dabei nur, das den Nachfahren entsprechend zu kommunizieren. Solange man sein Testament nicht alle drei Monate ändert und immer großes Familienrat-Theater darum veranstaltet, hat damit sicher keiner Probleme. Ich bin der festen Überzeugung, dass Hinterbliebene sich freuen, wenn sie wissen, wie der Verstorbene unter die Erde oder wo auch immer hinkommen möchte.

      Die Erkenntnis der Endgültigkeit finde ich auch ganz schlimm. Es gibt dann noch so viele Momente, wo man denkt, „ich rufe jetzt „xzy“ an, um etwas ganz Wichtiges/Tolles/Schönes/Doofes schnell zu erzählen“ und dann merkt man, denjenigen gibt es nicht mehr … Das ist mir bei einer Person noch zwei Jahren passiert.

      Die Frage, was so schlimm daran war, ist mir nicht grundsätzlich zu persönlich, ich möchte die Antwort aber dennoch nicht hier schreiben, weil ich damit nicht Bilder im Kopf anderer Leser_innen erzeugen möchte. Ich beantworte sie Dir per E-Mail.

  7. bei menschen, die ich zu lebzeiten sehr geliebt habe, ist es mir auch nicht unangenehm, sie leblos zu sehen. in meinem kopf bleibt zwar das tote gesicht, aber die vielen lebendigen erinnerungen überwiegen.
    was nach meinem ende wird, darum mache ich mir keine gedanken, ich weiss nur, dass ich im notfall den termin selber bestimme.
    meine mutter ist mega cool, ihre leiche geht an die uni. wie du weisst, habe ich schon ärzten zugesehen, die an solchen köpfen gearbeitet haben, um sich fortzubilden. ich muss das nicht täglich haben, es ist aber auch kein problem für mich. das ist ja auch viel emotionsloser, als wenn ein lieber freund oder angehöriger stirbt.
    jetzt möchte ich aber wieder ein andere thema!
    liebe grüße durch die stadt
    bärbel ☼

    • Bei mir hat es lange gedauert, bis die lebendigen Erinnerungen überwogen, und auch da hat es lange gedauert, bis die Bilder der kranken Person hinter die der gesunden gewandert sind. Das sind sie bis heute nicht vollständig.

      Fan von terminlicher Selbstbestimmung in Notfall bin ich ebenso. Aber Freitod an sich und Sterbehilfe sind nochmal so große Themen, dass ich da dann heute lieber nicht weiter drauf eingehe – sonst wird das mit dem Fröhlichsein heute nichts mehr. Sonntag bekommst Du ein anderes Thema hier. Versprochen!

  8. Die Male, bei denen ich mich „von Angesicht zu Angesicht“ von Verstorbenen verabschiedet habe, waren richtig und gut für mich. Es ist auch in allen Fällen nicht das Bild, das oh im Kopf habe, wenn ich mich an sie erinnere, obwohl es das letzte Mal war.
    Die Male, wo ich mich dagegen entschieden habe, waren rückblickend ebenso richtig für mich. Insofern habe ich da also keine generelle Linie, es kommt dabei sehr auf die Umstände und meine persönliche Sitution an.
    Niemals würde ich bestimmen wollen, was nach meinem Tod passiert. Ich bin dann ja nicht mehr da und die, die bleiben, müssen für sich entscheiden, wie sie es wollen und brauchen.

    • Man hat ja auch nicht immer die Wahl. Manchmal ist man räumlich zu weit weg oder es gibt die Möglichkeit des persönlichen Abschieds nicht. Wie schön, dass Du bisher immer das für Dich Richtige machen konntest. Ich bin mir sicher, dass das dabei hilft, den Abschied zu verarbeiten.

  9. Todesfälle habe ich schon viele erlebt in der Familie und bei Freunden.
    Erst kürzlich haben wir Testament , Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung gemacht beim Notar. Bei einer Patchwork-Familie gar nicht so einfach.
    Nun möchte ich noch unsere Be”erdigungen” – die tatsächlich welche sein sollen – genauer festhalten. Es gibt inzwischen auf dem von uns bereits ausgesuchten Friedhof alte Grabsteine, die man in Patenschaft erwerben kann und restaurieren lässt. Die möchte ich mir mal ansehen, ob das etwas für uns wäre. Auch Künstlergrabsteine gibt es, wo ich sogar einige Künstler davon persönlich kenne. So etwas kann ich mir auch vorstellen. Es soll persönlich sein, aber nicht mit viel Pflegeaufwand für unsere Kinder. Wer weiß, wo die mal wohnen?
    Wir selbst sind ja schon als junge Menschen weggezogen aus unseren Heimatorten und so werden dort die Familiengräber irgendwann nicht mehr zu uns gehören. Wir müssen uns also neu orientieren. Was war ich froh, als mein Mann und ich uns entschieden hatten, wo wir zwei einmal unser Grab haben werden. Das fand ich dann tröstlich, dass wir einen gemeinsamen Gedenkort haben werden.
    Geöffnete Särge gab es früher oft, das kenne ich so nun auch nicht mehr. Und ich möchte es auch nicht. Wenn man tot ist, gehört man nicht mehr zu den Lebenden und braucht seinen eigenen Seelen-Raum, so stelle ich mir das vor.
    An meiner Beerdigung wird mal von Hubert von Goisern gespielt: “Heast as nit, wia di Zeit vergeht… ”
    Wenn ich da jetzt dran denke, dann freut mich das. Es ist ein wunderbares Lied.
    Auf jeden Fall bist Du da ein schwieriges Thema mutig angegangen.
    Danke dafür.
    GLG Sieglinde

    • In Deinem Alter ist unumgänglich, schon viele Todesfälle erlebt zu haben. Mir geht es inzwischen so, dass ich total überrascht bin, wenn jemand noch Eltern hat oder sogar Großelternteile.

      Bei einer Patchwork-Familie geht es nicht nur um Verfügungen, sondern am Ende auch um Erbschaftssteuer – komplexes Thema … Da denken auch viele nicht dran, wie man das vermeiden oder verringern kann. Sinnvoll, dass Ihr das alles beim Notar gemacht habt. Wir haben einen Erbvertrag als wir unverheiratet das Haus gemeinsam gekauft haben. Patientenverfügungen und Vollmachten haben wir später dann auch notariell beglaubigt erteilt. In der Hoffnung, dass die dann auch akzeptiert werden – das weiß man vorher final nie.

      Künstlergrabsteine kenne ich gar nicht. Das würde meinem Eindruck nach genau zu Euch passen! Mit einem Grab keine Pflegearbeit zu hinterlassen, finde ich auch wichtig. Wenn jemand einen Ort zum Trauern oder Besuchen schafft, sollte der Besuch dort aus meiner Sicht freiwillig und keine Pflicht für die Hinterbliebenen sein.

  10. Ob mich nach meinem Tod noch jemand sehen möchte oder nicht – das ist mir sowas von egal. Das sollen alle so halten wie sie das möchten. Einen Wunsch allerdings habe ich: Ich möchte definitiv nicht verbrannt werden. Das ist mir zu heiss :-)

    Es gibt Menschen, die sich von einem Toten gern verabschieden möchten. Es gibt Menschen, die mögen das nicht. Beides ist schlicht und ergreifend zu akzeptieren. Ich habe inzwischen einige Male die Erfahrung gemacht, dass der Tote zwar rein äußerlich der Mensch war, den ich geliebt habe. Aber irgendwie war es eben doch nicht mehr.

    Ich gehe mal davon aus, dass es tatsächlich so etwas wie eine Seele gibt. Und die war nicht mehr da. Deshalb fand ich es auch überhaupt nicht schlimm, einen toten Menschen zu sehen. In meiner Erinnerung sind diese Menschen sowieso lebendig und werden es immer blieben. Das wird der Anblick einer toten Hülle – und mehr war da eben nicht – auch nicht ändern.

    Liebe Grüße
    Fran

    • Da wissen Deine Kinder – oder wer dann auch immer – immerhin schon mal, was sie zu tun und zu lassen haben mit Dir.

      Ich musste in der Schule in der 7. Klasse die Ballade “Die Füße im Feuer” von Conrad Ferdinand Meyer auswendig lernen. Daran muss ich immer Denken bei Einäscherungen. Aber wie Du sagst: Es ist ja nur noch die Hülle. Die wird dann wohl keine Schmerzen mehr spüren. Ist mir lieber, als wieder zu Erde zu werden. Ich bin eher wasser- und luftverbunden.

      Dass es eine Seele gibt, glaube ich auch. Eine Weile spüre ich sie nach dem Tod noch und irgendwann ist sie weg. Vielleicht löst sie sich irgendwann auch auf wie der Körper?

  11. Ich habe mich bisher immer dagegen entschieden, jemanden tot zu sehen. Das war auch völlig ok. Ob es bei allen Personen in Zukunft so ist, weiß ich aber nicht. Jeder Lebensmoment ist anders und so entscheide ich auch immer anders.

    Ich möchte nicht verbrannt werden, dann bin ich so „endgültig“ weg. Mein Mann sagt dann immer zwinkernd, ob von Maden aufgefuttert zu werden, besser ist? ;-)

    Vor jeder OP verabschiede ich mich vom Leben. Ich habe eine Patientenverfügung, mehr Vorsorge habe ich nicht getroffen. Meine Organe werden sie leider nicht wollen, aber gerne dürfen sich angehende Medizinmänner mein doch recht interessantes Innenleben angucken. ;-)

    Liebe Grüße und auf ein langes Leben,
    Moppi

    • Bei den vielen OPs, die Du im Leben schon hast über Dich ergehen lassen musst, ist es kein Wunder, dass Du Dir dabei immer Gedanken über den Tod machst. Ansonsten geht es mir wie Deinem Mann: Ich will zum einen auf keinen Fall zerfressen werden und langsam zerfallen. Zum anderen finde ich gerade den Gedanken, wirklich richtig zu sein, beruhigend. Es gibt wohl kein ein Thema, bei dem Menschen so unterschiedlich empfinden. Wie gut, dass es in Deutschland immerhin viele Möglichkeiten zur Umsetzung gibt, auch wenn da noch Spielraum nach oben ist.

      Auf Dein langes Leben!

  12. Guten Morgen,
    ich lese schon länger als meist stille Leserin mit und erfreue mich an deinen abwechslungsreichen Beiträgen.

    Ich habe vor zwei Jahren meine Mutter an den Krebs verloren. Sie wollte zuhause sterben und mein Vater hat sie bis zum Schluss gepflegt. Da wir zusammen in einem Zweifamilienhaus leben habe ich sie selbstverständlich auch gesehen nachdem sie verstorben war. Ich muss sagen, dass für mich der Augenblick des Sterbens, der bevorstehende Tod viel schlimmer war, als sie hinterher tot auf ihrem Bett liegen zu sehen. Sie ist friedlich eingeschlafen und sah auch hinterher ganz entspannt aus. Somit habe ich natürlich diese Bilder auch in meinem Kopf, aber ich würde es wieder so machen.

    Wir haben noch in der Woche vor ihrem Tod mit ihr selbst darüber gesprochen wo und wie sie beerdigt werden möchte. Noch einige Wochen zuvor war sie sich sicher, nicht verbrannt werden zu wollen. Dann wollte sie doch verbrannt werden. Daran sieht man mal, wie oft sich das ändern kann und, dass es sich sogar im entscheidenden Moment noch ändern kann.

    Wir haben jetzt ein Urnengrab hier auf einem wunderschönen Friedhof in der Nähe mit Blick auf die Alpen. Den Grabstein habe ich mit einem tollen Steinmetz selbst entworfen und ich liebe diesen Ort. Ich komme fast täglich mit unserem Hund dort vorbei.

    Und obwohl mir der Tod so nahe war, habe ich das für mich alles noch nicht schwarz auf weiß auf Papier festgehalten. Ich weiß nicht weshalb ich mich davor scheue. Tief in meinem Inneren würde ich hoffen, sollte mein Tod jetzt unverhofft eintreten, dort bei meiner Mutter beerdigt zu werden. Ich denke, mein Mann weiß das ;-))

    Liebe Grüße

    • Es freut mich, dass dieser Beitrag gerade auch von ansonsten stillen Leserinnen kommentiert wird. Das motiviert mich, die Abwechslung in den Themen beizubehalten.

      Den bevorstehenden Tod, fast das Warten darauf, finde ich auch ganz schlimm. Dass Menschen auf den letzten Metern Ihre Meinungen ändern, kommt oft vor. Sogar nicht-religiöse Menschen wollen manchmal auf einmal mit einem Pastor ein Gespräch führen.

      Dass der letzte Ruheort Deiner Mutter so schön geworden ist und Du gerne daran vorbei gehst, ist etwas ganz Besonderes. Vielleicht sagst Du Deinem Mann mal, was Du wollen würdest? Männer sind manchmal besonders schlecht im Gedankenlesen …

  13. Was für ein schwieriges und dennoch wichtiges Thema… Ich hatte das Glück, dass ich mich bisher noch nicht mit solchen Fragen auseinander setzten musste und noch nie eine Leiche gesehen habe… Dementsprechend ist das Etwas, worüber ich echt noch nie wirklich nachgedacht habe.

    • Da hast Du wirklich Glück – egal wie alt Du bist. Es ist immer schön, sich im Leben möglichst spät mit dauerhaftem Abschied beschäftigen zu müssen.

      Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es besser ist, aufs eigene Gefühl zu hören unabhängig von der Meinung anderer, als sich gesellschaftlichen Zwängen zu beugen. Deshalb bin ich der Seebestattung meiner Mutter ferngeblieben, weil ich das nicht sehen wollte (die war etwa 4 Wochen nach der Trauerfeier mit Sarg in einer Kapelle). Das haben viele nicht verstanden und fanden das “unmöglich”, war für mich aber bis heute die richtige Entscheidung.

      Ich wünsche Dir, das Deine Intuition Dich das für Dich Richtige tun lässt, wenn Du mal in die Situation kommst.

  14. Hallo Ines, das ist ein schwieriges Thema. Es muss jeder für sich die passende Art finden damit umzugehen. Ich bin schon früh und im engsten Familienkreis mit dem Thema konfrontiert worden. Ich habe auch schon am Bett gesessen, während jemand gestorben ist. In dem Fall war es für uns beide wichtig Abschied zu nehmen. Wenn jemand bereits tot ist, würde ich mir den Toten heute nicht mehr betrachten. Diese Erfahrung habe ich gemacht und möchte es für mich persönlich nicht mehr. Mein Mann und ich haben keine Kinder, aber beim Notar bereits alles notwendige für ins geregelt und ich habe damit ein gutes Gefühl. Ich weiss es ist alles geregelt. Wenn ich alleine wäre würde ich mich unter einem Baum (Friedwald) beerdigen lassen. Mein Mann hatte aber ein Argument dagegen. Wir werden älter und dir Anfahrtswege sind zulange, um an das Grab zu kommen. Mir gibt es Trost und Kraft ab und zu an ein Grab gehen zu können. Man sollte jeden Tag des Lebens genieße. In diesem Sinne Beate

    • Danke für Deine persönliche Geschichte dazu. Einen Sterbenden würde ich auch nicht verlassen, nur weil ich ihn nicht tot sehen möchte. Das würde ich dann aushalten wollen, wenn er es will.

      Interessanterweise sterben Menschen aber gerade oft in dem Moment, wo gerade keiner im Raum ist. Ist wohl von Mensch zu Mensch abhängig, wie man lieber gehen mag.

      Gerade ohne Kinder finde ich es umso wichtiger, Dinge zu regeln, damit sich nicht hinterher fremde oder entfernte Verwandte/Freunde darum kümmern müssen, ohne die Wünsche zu kennen. Das kümmern bleibt nicht aus, aber dann weiß man wenigstens, wie Ihr das möchtet.

  15. Boah. Da hast du dir ja mal ein Thema ausgesucht. Die Alpträume, die du nach dem Tod deiner Mutter gehabt hast, kann ich nur zu gut nachvollziehen. Mir ging es so, als ich mich von meinem Vater verabschieden musste, der aufgebart in der Aussegnungshalle lag.
    Ich überlasse es meinen Nachkommen, wie sie mit meiner Beerdigung verfahren wollen. Denn schließlich werden sie die ganze Last damit haben. Wenn ich wählen dürfte, dann würde ich gerne in einem Friedwald beerdigt werden.
    Schönes Wochenende
    Sabienes

    • Du schreibst, dass Du Dich verabschieden musstest. Wolltest Du das freiwillig oder hättest Du das lieber nicht dort getan?

      Ich hoffe, Deine Alpträume deswegen haben sich inzwischen auch verzogen.

    • Naja. Das “musste” ist jetzt ein wenig überspitzt ausgedrückt. Allerdings konnte ich ihn leider nicht in seinen letzten Stunden begleiten, weil alles sehr schnell ging.
      Aber ich war mit dem Anblick in der Aussegnungshalle sehr überfordert. Es war der erste Todesfall, den ich mitbekommen habe und hatte nicht mit dem Anblick gerechnet. Ich war damals erst Mitte Zwanzig und habe gar nicht damit gerechnet, dass dieser große starke Mann innerhalb eines halben Jahres sterben würde.
      Nein, Alpträume habe ich deswegen schon lange keine mehr ;-)
      LG

  16. Ich denke ganz ähnlich wie du Ines. Ich möchte den Menschen der gestorben ist so in Erinnerung behalten, wie er war. Von meiner Mutter habe ich mich verabschiedet, als sie noch lebte, ihr Ende aber absehbar war. Wie ich beerdigt werden möchte, weiß meine Familie. Wie sie sich von mir verabschieden möchte, bleibt Ihnen überlassen. Letztendlich müssen die mit dem Tod zurecht kommen,die zurückbleiben.. Rechtzeitig darüber zu sprechen macht sicher vieles einfacher.
    Liebe Grüße
    Sabine

    • Gerade wenn das Verhältnis nicht so einfach ist, finde ich einen passenden Abschied umso wichtiger. Wie gut, dass Dir das gelungen ist!

  17. Obwohl ich beruflich oft mit dem Tod konfrontiert wurde, habe ich erst einmal von einem Menschen Abschied nehmen müssen, der mir nahe stand. Von einem Leben, das endete, ehe es begonnen hatte. Das war wichtig, um den Tod begreifen und akzeptieren zu können aber es war auch eine außergewöhnliche Siruation, die mich lange begleitet hat. Zum Glück mussten sonst keine mir näherstehenden Menschen bisher gehen, wo sich die Frage eines solchen Abschieds gestellt hätte. Wie es einmal sein wird, wenn meine Mutter gehen muss, weiß ich noch nicht. Sollte ich die Wahl haben, werde ich spontan entscheiden. Sollte sich mir die Möglichkeit bieten, sie in den letzten Stunden zu begleiten, würde ich das gerne machen. Ansonsten möchte ich Personen am liebsten lebend in Erinnerung behalten.
    Liebe Grüße
    Andrea

    • In Deiner außergewöhnlichen Situation hätte ich das auch sehen und wortwörtlich begreifen müssen, um es verstehen und verarbeiten zu können. Das ist etwas völlig anderes als ein Alterstod oder wie er sonst um mich herum zu erwarten ist.

  18. Für mich aktuell ein besonders schwieriges Thema, da es mit meiner Mutter immer mehr zu Ende geht. Ein Prozess, der seit bereits 5 Jahren andauert, denn da hieß es schon ein paarmal, sie liegt im Sterben, aber vorige Woche war es mal wieder so, als würde es in den nächsten Stunden passieren. Da hat sie meinen Bruder und wohl auch mich nicht mehr erkannt und bekam Sauerstoff, aber dann wurde der Sauerstoff wieder abgesetzt. Ich habe mich von ihr schon so oft verabschiedet, dass ich sie bestimmt nicht tot sehen muss. Ob es mich zusätzlich belasten würde? Ich glaube nicht. Ihr jahrelanger Verfall belastet mich mehr. Es ist so wie du sagst, jeder sollte für sich selbst diese Entscheidung treffen können – deshalb treffe ich auch keine Vorkehrungen für mich selbst. Ich glaube an keine Wolke, von der ich heruntersehe, also ist es mir auch relativ egal, was “nach mir” mit meinem Körper passiert, Hauptsache es ist umweltfreundlich und für meine Angehörigen keine zusätzliche Belastung. Öko-Urne unter Bäumen oder Ausstreuen, irgendwas in dieser Richtung…
    Alles Liebe und Paulekrauler,
    Traude

    • Das Gefühl des x-ten Verabschiedens ist so furchtbar, das kann ich absolut nachvollziehen. Ich vermag mir allerdings nicht vorzustellen, wie es ist, jemanden über 5 Jahre so zu begleiten. Das sind immer Momente in denen ich mich Frage, was die Natur sich bei sowas denkt. Ich denke ganz doll an Dich. Fühle Dich umarmt und von Paule gestupst.

    • Liebe Ines, ich glaube, wenn es hier nur um “die Natur” ginge, würde meine Mutter schon lange nicht mehr leben. Aber die alten Menschen werden an den Tropf gehängt, wenn sie nicht trinken wollen, an den Sauerstoff gehängt, wenn die Atmung nicht mehr funktioniert, und eigentlich wollte man meiner Mutter auch Astronautennahrung mit 1000 Kalorien pro Tetrapack geben, weil sie nicht mehr essen mag. Mein Bruder und ich haben darum gebeten, ihr zu trinken zu geben, aber kein Kraftfutter mehr, sonst muss sich ihr Körper noch mehr damit anstrengen, die Systeme endlich herunterzufahren. Das Sterben wird einem heute nicht leicht gemacht, die alte, komatöse Mutter einer Freundin hing jahrelang an der künstlichen Ernährung, weil sie keine Patientenverfügung gehabt hatte und das christliche Pflegeheim die Verpflichtung zu haben glaubte, sie am “Leben” zu erhalten… Ich glaube, sie hat 8 Jahre lang zum Sterben gebraucht… Meiner Meinung nach wird da vor allem bei alten Menschen etwas ganz, ganz falsch verstanden, ich sehe einen großen Unterschied zwischen liebevollem (sanftem, schmerz-befreitem) Hinüberbegleiten und krampfhaft am Vegetieren erhalten…
      Danke fürs Umarmen und Stupsen, tut gut!
      XOX

  19. Liebe Ines, ich finde es toll, dass du dieses Thema aufgegriffen hast – einerseits passt es sehr gut in die Jahreszeit mit dem Verblühen der Natur und dem Allerheiligentag, andererseits motiviert es sehr, über den Tod, seine eigenen Belange nachzudenken und Überlegungen anzustellen.
    Ich habe hier vielleicht eine etwas strikte Anschauung – ich brauche keine Leiche und keinen Friedhof, um um Menschen trauern, an sie denken und mich an sie erinnern zu können. Ich habe jetzt noch genau den Klang meiner Großmutter im Ohr, wenn ich an sie denke, obwohl sie mittlerweile seit 20 Jahren tot ist. Ich kann mich genau an ihre Gesten erinnern und lasse sie vor meinem geistigen Auge dabei aufleben. Ein Friedhofsbesuch hingegen trägt dazu bei mir nichts bei.
    Ich selbst möchte meinen Körper, wenn Bedarf besteht, gerne der Forschung spenden – die Menschen sollen mich so in Erinnerung behalten, wie es zu Lebzeiten war, was wir miteinander erlebt haben. Menschen, die mir nahe sind, zu denen habe ich ohnehin regelmäßigen Kontakt und die anderen brauchen dann nicht etwas aus Pflichtgefühl zum Abschiednehmen erscheinen.
    Vielen Dank für diesen tollen Beitrag!
    Ich wünsche dir ein wunderbares Herbstwochenende und alles Liebe

    • Danke für Deine Bestärkenden Worte. Ich besuche auch keine Gräber. Ich denke auch lieber so an den Menschen, wie ich ihn in Erinnerung habe.

  20. Liebe Ines,
    ich muss gestehen ich habe noch nie darüber nachgedacht. Meine Eltern und Schwiegereltern sind zum Glück quick lebendig. Noch habe ich keinerlei (nähere) Berührung mit dem Tot gehabt. Aber ich weiß nicht ob ich am Ende vielleicht eine Verabschiedung von einem geliebten Menschen brauche? Da ich noch nie eine Leiche gesehen habe weiß ich natürlich auch nicht was mich erwartet. Eventuell überdenke ich das noch einmal. Aber ich hoffe damit habe ich noch viele, viele Jahre Zeit :-)
    LG Natascha

    • Drücke Dir die Daumen, dass das noch lange so bleibt! Ich kann Dir nur raten, dann auf Deine Intuition zu hören und nicht etwas zu tun, von dem Du denkst, es tun zu müssen oder dass es von Dir erwartet wird.

  21. :-) Liebe Ines,
    ein wirklich schwieriges Thema. Für mich habe ich auch entschieden: Affe tot, Klappe zu, Asche in’s Meer.
    Ob ich einen geliebten Menschen noch nach seinem Tod sehen möchte, kann ich heute noch nicht sagen.
    Liebe Grüße
    Claudia :-)

  22. Liebe Ines,
    danke für Deinen Beitrag. Du nimmst Deine Leser ernst und traust ihnen auch mal ein ernstes Thema zu. Find ich gut.
    Der Kölner denkt ja eher in der Richtung: “sollte ich mal sterben…” aber der Tod gehört zum Leben und wir alle machen irgendwann diese Erfahrung.
    Für mich braucht der Tod kein Gesicht, ich habe damals meinen verstorbenen Vater nicht mehr anschauen wollen und habe es nie bereut. Meine Besuche am (inzwischen aufgegeben) Grab waren sehr selten, dort war ich ihm nicht nah. Nah fühle ich mich meinem Vater an verschiedenen Orten, die für uns eine Bedeutung hatten. Noch heute, nach mehr als 38 Jahren.
    Herzlichen Gruß,
    Susa

    • Dann warst Du offenbar auch noch sehr jung, als Dein Vater starb. Umso wertvoller, emotionalen Zugang zu ihm zu haben.

      Danke Dir für die Bestätigung, dass auch so ein Thema hier einen Platz haben kann. Ich war unsicher, wie der Artikel aufgenommen werden würde – ein Grund, ihn erst nach einiger Zeit final geschrieben zu haben. Umso mehr freut mich das positive Feedback trotz des ernsten Themas.

  23. Ich muss zugeben, ich habe lange überlegt, ob ich kommentieren soll oder nicht. Ich finde das Thema aber sehr interessant. Ebenso interessant finde ich deine Einstellung und wie du dazu stehst. Das Thema zeigt auch, wie unterschiedlich Menschen sind. Wie du ja weißt, habe ich meinen Papa vor drei Jahren begleitet. Wir waren die letzten drei Tage Tag und Nacht bei ihm am Bett und mich hätte da auch niemand wegholen können. Für mich war es selbstverständlich, dass ich da bin, dass ich bei Papa bin, dass ich den letzten Weg mit ihm zusammen gehen werde. Es war ein sehr intensives Erlebnis, sehr sehr berührend. Aber mit dem Erlebnis selbst komme ich gut klar. Papa starb in meinem Arm, ich habe ihn also als Leiche gesehen, ihn gestreichelt, ihn geküsst. Es war für mich in dem Augenblick völlig normal und ich würde es auch wieder machen. Ich habe auch keine Bilder im Kopf. Mich verfolgt es auch nicht. Denke ich an Papa, sehe ich ihn vor mir, wie er gewesen ist. Nie oder sehr selten bis kaum das Gesicht als Papa gestorben ist. Ich habe mehr mit dem Tod von Papa zu tun. Das er nicht mehr da ist. Das er uns nicht mehr im Garten helfen kann, Karli nicht miterlebt… alles einfach.
    Meine Schwiegermama habe ich auch gesehen, da war sie schon tot bzw. gerade zwei, drei Stunden tot. Das ist auch okay gewesen. Ich persönlich finde es schön, wenn man Abschied nehmen kann. Ich werde es auch meinen Angehörigen/Freunden überlassen, wie sie es gerne möchten. Möchte mich niemand sehen, dann ist das ok. Anders herum ebenso.

    • Ehrlich gesagt war ich gespannt, ob von Dir ein Kommentar dazu kommt. Deinen vorherigen Blog habe ich der anfänglichen Trauerzeit gelesen, dann konnte ich das aber nicht mehr gut vertragen, weil sich Deine Traurigkeit, die natürlich ihre Raum brauchte, zu sehr auf mich übertrug.

      Bei meiner Mutter bin ich überzeugt davon, dass sie alleine sterben wollte. Es waren in den Tagen und Wochen zuvor ständig vertraute Menschen in ihrer Nähe, in deren Armen sie hätte sterben können. Sie ist in den frühen Morgenstunden gestorben. Allerdings wäre auch keiner von uns auf die Idee gekommen, tagelang über Nacht im Krankenhaus zu bleiben. Nach einem halben Jahr Horrorzeit waren wir vermutlich alle froh, überhaupt noch stehen und unser Leben bewältigen zu können.

      Ich finde ich wunderbar, dass es im Rahmen der schrecklichen Situation, die natürlich an sich keiner erleben möchte, das Sterben Deines Vaters so verlief, dass es für Euch nahen Verwandte passend war.

  24. Meinen Papa habe ich vor Jahren als Leiche anschauen MÜSSEN – meine Mutter hatte damals darauf bestanden, dass wir gemeinsam Abschied nehmen! Ich hatte furchtbare Angst davor, aber nachdem ich ihn berührt hatte und er sich überhaupt nicht mehr wie mein Papa (sondern eher wie eine kalte Wachs-Puppe) angefühlt hat, ging es mir danach tatsächlich BESSER. Es war nämlich nicht mehr mein Papa, sondern nur eine “Hülle”, die aussah wie er. Irgendwie war die Seele nicht mehr im Körper – so fühlte es sich an.

    In Erinnerung habe ich trotz dieser Erfahrung ganz andere Bilder – lebendige, schöne. Man behält also nicht zwangsläufig das Bild der Leiche im Kopf, selbst ich nicht, die an sich unglücklicherweise dazu neigt, immer die schlimmsten Bilder, die ich gern sofort vergessen würde, abzuspeichern, wohingegen die schönen Bilder eher verblassen. :-/

    Dennoch bin ich ganz bei Dir, dass jeder diese Entscheidung unbedingt selbst treffen und keinesfalls gezwungen werden sollte. Ich hatte vermutlich Glück, wider Erwarten etwas Positives daraus ziehen zu können und nicht, wie Du, von Alpträumen verfolgt zu werden. Diese habe ich jedoch gelegentlich von anderen Todesfällen … (Entenfamilie auf Autobahn zum Beispiel … :-( :-( :-( )

    Unbedingt drücken möchte ich mich übrigens davor, bei anderen Menschen den MOMENT des Sterbens mitzuerleben!! Davor habe ich regelrechte Panik! Das Warten, der Anblick, die Geräusche – bitte nicht!!!

    Was bei mir eines Tages sein soll, darf nach heutigem Stand mein liebstes Umfeld selbst entscheiden. Es kann gut sein, dass ich meine Meinung da allerdings noch ändere, jedoch möchte ich eigentlich nicht darüber nachdenken!

    Liebe Grüße
    Gunda

    P.S.: Gleich “einige Segelflieger”?!?? Oje. Und ich dachte immer, da passiert total selten etwas und nur ich “stelle mich an”, denn ich habe mächtig Respekt vorm Segelfliegen …

    • Dass Deine Mutter Dich dazu gezwungen hat, finde ich gant schlimm. Den Wachspuppeneffekt habe ich auch wahrgenommen. Wie gut, dass diese Bilder bei dir wenigstens verblasst sind,

      Ja, deutlich mehr als ein Segelflieger … Respekt sollte man vor allem haben, was mit Geschwindigkeit zu tun hat. Ist wie beim Fahrrrad-/Autofahren: Ordentlich auf sich und andere aufpassen, dann passiert meistens nichts. Und wenn man etwas zu risikobereit ist oder blödes Pech hat, passiert halt was … Ich persönlich habe nach wie vor keine Sicherheitsbedenken. Ich würde aber beileibe nicht bei jedem Segelflugpiloten ins Flugzeug steigen. Deshalb fliege ich auch nicht gerne mit Linienflugzeugen – meistens kenne ich den Piloten nicht und das mag ich nicht …

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