Lesetipp: Ein neues Leben nach dem ersten

Werbung – Rezensionsexemplar und Affiliate Links von Amazon

(Affiliate Link auf dem Cover)
Der Fetzen
von Philippe Lançon

Seit dem Terroranschlag auf Charlie Hebdo in Paris gibt es für Philippe Lançon ein Leben davor und eins danach. Er ist eins der überlebenden, schwerverletzten Opfer. In dem Buch arbeitet er die Geschehnisse und seine Gefühle auf und versucht ein neues Leben zu finden, in dem Platz für ihn ist.

Das Buch beginnt am Morgen des Anschlags und endet mit der Entlassung aus der schier endlosen Reha nach 17 Gesichtsoperationen, die der Rekonstruktion seines Gesichts und Unterkiefers dienen, der ihm zerschossen wurde. Durch mehrfache Rückblenden erscheint es beim Lesen manchmal so, also ob man einen Film zum zweiten oder dritten Mal sieht. Sein Leben nimmt durch das Attentat und die Verletzungen komplett andere Wendungen als geplant. Nicht nur sein Körper ist nicht mehr der alte, auch die Seele nicht. Auf Seite 57 schreibt er dennoch

“Man bleibt immer all die Personen, die man mal gewesen ist.”

Die Worte berühren mich, weil sie auch auf Menschen zutreffen, die weniger Schweres erlebt haben. Das Buch ist die literarische Verarbeitung seiner Traumata und zeigt auf, wie Körper und Seele wieder zusammenfinden und sich ein neues Leben aufbauen können. Auf Seite 73 sagt er zum Thema Trauerarbeit

“Aber genau wie in der Schule, hat nicht jeder ein Radiergummi in der Hand, um das Geschehen zu tilgen.”

Jeder geht man mit Trauer und einem Trauma anders um. Der Roman ist tieftraurig und emotional. Auf der anderen Seite empfinde ich ihn als lebensbejahend und positiv, weil Philippe Lançon nie Zweifel an seinem Lebensmut und der Zukunft aufkommen lässt. Interessant finde ich seinen Umgang mit der Opferrolle auf Seite 229

“Allmählich spüre ich, dass das Opfer doppelt bestraft wurde: Es war nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch für diejenigen, die es nicht enttäuschen durfte.”

Dabei finde ich bewundernswert, wie er es schafft, auf seine Intuition zu hören und zu entscheiden, wessen Nähe ihn stärkt und wer trotz bestens Willens ein Energieräuber ist, der sich als Angehöriger oder Freund mit seinem Mitleid oder Alltagsdramen selbst in den Fokus stellt. Von Krafträubern trennt er sich radikal, denn sie würden ihm den letzten Funken rauben.

Bei allem Leid und Qual finde ich sehr spannend, welche Beschäftigungen und Lebensinhalte für ihn auch in der Gegenwart und neuen Zukunft interessant bleiben und wie er versucht, es dem ihn pflegenden Personal möglichst einfach zu machen. Seine Worte auf Seite 277

“Der Charme ist wirklich das, was uns erst nach dem letzten Blutstropfen im Stich lassen sollte.”

würden Menschen aus dem Pflegeumfeld sich vermutlich öfter aus dem Mund eines Patienten wünschen, auch wenn sich der Satz hier nicht auf diese Menschen, sondern auf eigene seine Situation und den Umgang eines Besuchers mit dem Personal bezieht. Letztlich steht dieser Satz aber auch für die immense Willensstärke des Opfers des Attentats, die ich in dem Buch auf jeder Seite beim Lesen gespürt habe.

Der Autor schreibt an einer Stelle im Buch, dass er chronisch zu überlangen Texten neigt. Es ist als Leserin vermessen zu sagen, dass dieser Trauerverarbeitungsroman zu lang ist. Das Buch hat 551 Seiten. Die ersten 50 habe ich verschlungen, bis 250 war es spannend und für mich hätten bis zum Abschluss dann vielleicht weitere 50 Seiten gereicht.

Die zweite Buchhälfte war zwar immer noch interessant und es passierten neue Sachen, irgendwann war es für mich als Leserin jedoch etwas wiederholend bei den Beschreibungen der Misslichkeiten und Umstände. Aber ich sage mal so: Wer sowas erlebt hat und darüber schreibt, dem schenke ich dann auch gerne ein paar mehr Stunden meiner Zeit.

Tatsächlich habe ich lange gebraucht, bis ich das Buch zu Ende gelesen hatte – etwa zwei Wochen. Normalerweise lese ich etwa eine Seite pro Minute und viel am Stück. Hier brauchte ich etwa drei Minuten pro Seite und konnte nicht lange lesen. Viele Sätze und ganze Absätze habe ich mehrfach gelesen, um sie vollständig zu erfassen. Nach der Unterhaltungslektüre, die ich ansonsten verschlinge, war das zur Abwechslung durchaus wohltuend.

Meine Neugierde, wie der Autor jetzt aussieht, habe ich mir bis zum Buchende bewahrt, um die Bilder nicht mit meiner Phantasie zu mischen. Frei nach dem Motto: Erst das Buch lesen, dann den Film sehen. Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag Tropen/Klett-Cotta (Werbung) zur Verfügung gestellt. Danke an Leserin Claudia für die Leseempfehlung.

Hat Dein Leben schon mal gravierende Wendungen genommen, die Dich zu einem anderen Menschen haben werden lassen?

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8 Gedanken zu „Lesetipp: Ein neues Leben nach dem ersten

  1. Hallo Ines,
    gespannt habe ich auf deinen Eindruck des Buches gewartet.
    Denn ich habe das Buch trotz meiner Empfehlung nicht zu Ende gelesen. Ich werde es aber irgendwann erneut versuchen.
    Was mir an den Seiten, die ich gelesen habe, in Erinnerung geblieben ist, ist, dass der Autor, obwohl er so schreckliches physisch und psychisch erlitten hat, relativ sachlich geschrieben hat.
    Harte emotionale Kost für den Leser. Wie muss es ihm persönlich in dieser Situation ergehen, wenn man beim Lesen selbst schon so viel Emotionen spürt?

    • Harte Kost trifft es gut. Einerseits extrem sachlich geschrieben und dann wieder voll rein ins Gefühl.

      Verzichten können hätte ich in dem Buch auf die seitenlangen Beschreibungen der Halluzinationen unter den Schmerzmitteln von Seeanemonen und Gehirnmasse. Die haben mich beim Lesen unangenehm hypnotisiert. Ich bin da recht anfällig und tauche schnell und tief in diese Welt ein. Einserseits gut, um sein Erlebtes mehr zu fühlen, anderseits habe ich es als störend empfunden.

  2. Liebe Ines,
    gleich mal zu deiner Abschlusfrage: Vermutlich haben nicht viele hier in unserem Bereich Bloggetoniens auch nur annähernd gravierende Lebenswendungen durchgemacht. Doch manches, was im Leben passiert, wirkt sich so auf das Leben aus, dass man – obwohl noch immer “all die Personen, die man mal gewesen ist” – bei einem Rückblick auf das Kind oder den jungen Menschen von einst die Veränderung erkennen kann. Was wichtig war, wird unwichtig oder umgekehrt, manche Ereignisse machen stärker, manche schwächer, manche beides zugleich. Ich habe das Buch nicht gelesen, weiß auch nicht, ob ich es tun werde, aber im Gegensatz zu dir wollte ich gleich wissen, wie der Autor jetzt aussieht und wie er früher aussah. Und es ist nicht nur die Form seiner unteren Gesichtshälfte, die ich nicht mehr mit früher zusammenbringe… seine Augen haben sich sehr verändert, sie sind tiefer und dunkler geworden, trauriger, wissender wärmer…
    Herzliche Juni-Hitze-Grüße aus Rostrosenhausen,
    Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2019/06/ein-geburtstagsfest-in-salzburg.html

    • Dass die dunkler, fast schwarz geworden sind, schreibt er selbst auch an mindestens einer Stelle im Buch. Wenn ich das richtig erinnere, hat er sich beim Blick in den Spiegel selbst darüber erschrocken.

      So schlimme Wendungen erlebt zum Glück kaum jemand, wobei ich durchaus Menschen kenne, die körperlich und geistig katapultiert wurden. So weit weg, wie man spontan denkt, ist das manchmal gar nicht, auch wenn es kein Anschlag oder Schussverletzung war.

      In meinem Leben gibt es drei ganz klare Wendepunkte, von denen ich zumindest ganz klar sagen kann, dass sie meinem Leben eine ganz andere Richtung gegeben haben und durch die ich mich menschlich deutlich verändert habe.

      Hitze? Ich sende norddeutschen Regen zur Erfrischung!

    • P.S.
      Zu den Wendepunkten:
      Einen ganz kleinen hatte ich, als es mir wirklich schlecht ging über einen längeren Zeitraum. Der Kommentar meiner Mutter dazu: “Stell dich nicht so an.” Das war zuerst mal schrecklich unschön für mich. Aber auf lange Sicht habe ich gelernt, mich mehr um mich zu sorgen und nicht so sehr um andere. Das ist natürlich nichts im Vergleich zu dem, was Philippe Lancon durchgemacht hat, aber mir hat es letzten Endes weitergeholfen.

    • Wenn Du so gelernt hast, besser für Dich zu sorgen, ist das auf jeden Fall ein großer Schritt. Es tut mir leid, dass Du den so schwer gehen musstest, und es freut mich für Dich, dass Du es geschafft hast.

  3. Liebe Ines,
    das klingt nach einem sehr interessanten Buch. Ich habe das Buch “meinen Hass bekommt ihr nicht” zu diesem Thema gelesen und war auch ganz ergriffen.
    LG Natascha

    • Alleine der Titel spricht schon Bände. Den Umgang mit den Gefühlen den Tätern konkret und Muslimen im allgemeinen beschreibt der Autor hier auch an einigen Stellen. Ich finde ihn bewundernswert gelassen dabei, denn er bemüht sich offenbar erfolgreich darum, keine Generalschuld zu verteilen, auch wenn im Konkreten Vorbehalte und Ängste entstehen. Alleine der bewusste Umgang mit den eigenen Vorbehalten und Ängsten schützt schon davor, Gefühle zu groß werden zu lassen.

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