Was nicht Betroffene über Depressionen wissen sollten

Gastbeitrag von bu

Dunkle Nordsee s/w

Disclaimer: Es handelt sich bei dem folgenden Beitrag um einen persönlichen Erfahrungsbericht und keinesfalls um medizinische oder psychologische Beratung.

Tabuthema Depression

Aufgrund eines Kommentares von mir und weil die Krankheit Depression oft leider immer noch ein Tabuthema ist, hatte Ines die spontane Idee, dass ich einen Gastbeitrag darüber in ihrem Blog veröffentlichen darf. Danke Ines!

Diagnose Depression

Schlaflose Nächte, tagsüber Erschöpfung, ständiges Grübeln und Niedergeschlagenheit. Die Depression kam bei mir das erste Mal im Alter von 38 Jahren, erst nur schleichend, aber mit jeder weiteren depressiven Episode länger und gefühlt noch intensiver bis zur enormen Wucht.

Ein aufmerksamer Hausarzt hatte mich zügig an einen Neurologen überwiesen, der dann die Diagnose Depression stellte. Dieser Neurologe und eine Psychotherapeutin begleiten mich seitdem durch die Krankheit.

Wen trifft die Krankheit?

Grundsätzlich kann eine Depression jeden treffen und ist eine weitverbreitete Erkrankung. Allerdings kann man sie meist nicht auf einen einzigen Auslöser zurückführen, wie zum Beispiel bei einem gebrochenen Bein. Depression entwickelt sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Auf der einen Seite gibt es genetische Faktoren, wie zum Beispiel die Vererbung oder ein Ungleichgewicht von Botenstoffen in bestimmten Hirnregionen. Auf der anderen Seite kann ein Verlusterlebnis, chronische Überbelastung, ein gravierender Einschnitt in den eigenen Lebensplan oder ein traumatisches Erlebnis Auslöser für die Krankheit sein. Beide Seiten schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich oftmals sogar.

Individuelle Ausprägung einer Depression

Jede Depression ist anders, so wie auch jeder Mensch anders ist. Deshalb schreibe ich hier nur über meine klassische Depression, so nannte sie mal der Chefarzt einer Klinik,  und was darüber nicht Betroffene aus meiner Sicht wissen sollten.

In einer schweren depressiven Episode habe ich Lust auf gar nichts mehr. Ich fühle mich kraftlos, schaffe nur noch das Nötigste und würde am liebsten den ganzen Tag im Bett bleiben und die Bettdecke über meinen Kopf ziehen. Dinge, die ich sonst gerne bzw. mit links mache, wie zum Beispiel lesen, Freunde treffen, sportliche Betätigungen und – ja, auch meine Arbeit – reizen mich nicht mehr. Selbst eine E-Mail zu schreiben oder eine Messengernachricht zu beantworten, gestaltet sich zum Kraftakt.

Einzig die regelmäßigen Termine beim Neurologen und der Psychotherapeutin lassen mich jedes Mal wieder durchhalten. Hier fühle ich mich verstanden und muss mich nicht immer erklären, warum ich dies oder jenes einfach nicht mehr schaffe. Oder warum ich eben gerade nicht mehr die lebenslustige, unkomplizierte, umgängliche Frau sein kann.

Du und Depression?

Das werde ich oft in stabilen Phasen verwundert von Leuten gefragt. Depression ist nicht greifbar, es dauert oft lange, bis ein passendes Medikament gefunden ist und vor allem kann es mehrere Wochen dauern, bis das Medikament bzw. die Dosiserhöhung wirkt. Ich würde mir auch wünschen, dass es im Handumdrehen klappt!

Eine Depression ist keine vorübergehende Laune!

Die Stoffwechselstörung im Gehirn bei einer Depression versuche ich immer so zu erklären: In stabilen Phasen läuft der Hirnstoffwechsel rund, wie der Motor bei einem Auto. Nach oft langer, stabiler Zeit gerät der Motor plötzlich ins Stottern und ich weiß in diesem Moment, dass die Depression bzw. die Dame in Schwarz, wie ich sie auch nenne, wieder da ist. Da hilft dann kein Zusammenreißen mehr. Depression ist keine Charakterschwäche, sondern schlicht und ergreifend eine Krankheit wie jede andere auch.

Die richtige Diagnose und eine fachgerechte Behandlung sind (über-)lebenswichtig bei einer Depression! Mindestens genauso wichtig ist ein verständnisvolles und aufgeklärtes Umfeld, denn auch Angehörige, Freunde und Kollegen leiden oftmals ratlos mit oder stehen der Krankheit skeptisch gegenüber. Vielleicht kann ich mit diesem Beitrag für ein besseres Verständnis und mehr Akzeptanz sorgen. Es würde mich freuen.

Was für Erfahrungen hast Du mit Depression persönlich oder im Umfeld?