Ditsch und weg – (k)ein Kavaliersdelikt?

Parkschaden am Stoßfänger des Autos

A*schl*ch

… ist der erste Gedanke, wenn ich sowas zufällig mit Schrammspur an meinem Auto entdecke. Was ist so schwer daran, seine Schuld einzugestehen und zu klären, wie eine Wiedergutmachung aussehen kann? Von einfachem “ist O.K., ist jedem schon mal passiert”, bis zur fetten Werkstattrechnung ist alles drin – nur das möge man bitte dem Geschädigten überlassen.

Nur ein Kratzer?

Dabei ist es mir egal, ob es nur ein kleiner Kratzer oder eine dicke Beule ist und ob es der erste Kratzer überhaupt am Auto oder der zehnte ist. Es ist mein Eigentum und das hat jemand anders nicht kommentarlos zu beschädigen, womit auch immer – Auto, Fahrrad, Kinderwagen etc. Das ist ein Vergehen.

Genau genommen ist das Fahrerflucht, wenn der Verursacher nicht schwer verletzt ist, und die ist eine Straftat. Ich parke vorschriftsmäßig und nicht zu eng, also gibt es keinen Grund, mein Auto und mich nicht vorschriftsmäßig zu behandeln.

Ruf! Mich! An!

Skoda Citogo in weiß Baujahr 2017 von image&impression

Auf meinem Auto steht meine Handynummer. Man braucht nicht mal die Polizei anrufen, um den Halter herauszufinden. Einfach die Nummer auf dem Auto zu wählen, ist das so schwer? Man kann auf die Idee kommen, dass die Telefonnummer wenigstens in Richtung des Halters führen mag, oder?

Du kannst sicher sein, dass mein Bedürfnis nach Schadensbehebung ziemlich unterschiedlich ausfällt, ob der Täter eine um Verzeihung bittende freundliche Studentin ist (“Danke fürs Bescheid sagen, hätte mir auch passieren können.”) oder eine arrogante SUV-Hausfrau (vermutlich Reparatur in Herstellerwerkstatt mit Ersatzwagen).

Stell Dich nicht so an!

Du denkst: Was stellt die sich hier an wegen seines Minikratzers? Ja, ich stelle mich an. Mit Fug und Recht. Wenn ich das Auto irgendwann verkaufen will, wird der Kratzer nämlich MIR vom Kaufpreis abgezogen. Das ist selbst bei kleinen Kratzern gar nicht so wenig.

Wenn ich für die Reparatur meine Vollkaskoversicherung beanspruche, zahle ICH die Eigenbeteiligung UND die Prämienerhöhung. Oder ich zahle es gleich komplett selbst … sind wir wieder bei ICH. ICH war das aber nicht! Die mehrfachen Fahrten zur Werkstatt während MEINER Arbeitszeit habe ich obendrein immer an den Hacken. Alles super, oder? NEIN!

Zahlt doch eh die Firma …

Es ist auch egal, dass es offensichtlich ein Firmenwagen ist. Die Firma bin ebenso ich und auch Firmen müssen Geld erst verdienen, bevor sie es ausgeben können. Auch große Firmen. Wem das Auto gehört, spielt keine Rolle bei der Schuldfrage und des Ausgleichs. Ich habe dafür zusätzlich Umsatz zu machen, weil ein ein rücksichtsloser Mensch mein Eigentum beschädigt hat.

Meine positive Erfahrung mit der Wahrheit

Ich habe auch schon aus Versehen fremde Autos beschädigt und habe bisher jede Tat gestanden und geklärt. Damit es hier heute auch noch etwas Erfreuliches gibt, erzähle ich Dir von einem Schaden, den ich angerichtet habe und positiv überrascht wurde.

Die Tür meines damaligen kleinen Autos wurde mir auf dem Parkdeck eines Elektronikfachmarktes leider vom Wind beim Aussteigen unerwartet aus der Hand gerissen. Sie flog schneller in die Tür des Lotus Elise neben meinem Auto, als dass ich auch nur eine Chance zur Reaktion gehabt hätte. Ein Lotus Elise ist an dieser Stelle aus GFK gebaut. Die Tür beulte sich ein, wieder aus, der Lack riss dabei an der Stelle. Nur eine kleine Stelle, aber deutlich sichtbar, wenn man hinguckt. Ob der Kunststoff darunter zusätzlich beschädigt war, konnte man nicht sehen.

Die Halterin war gar nicht um ihr Auto besorgt, sondern nur um die Reaktion ihres Mannes, der ihr das Auto geschenkt hatte. Sie hätte es lieber vertuscht, aber ich wollte das nicht. Immerhin hatte ich ihr Kennzeichen ausrufen lassen im Markt und ihr Mann hatte das sicher auch gehört. Als ich den Kerl sah, hatte ich auch Angst … (der Teil ist natürlich nicht postiv).

Der Mann war Typ südländischer Bodybuilder, der mit seinem Range Rover neben dem Elise stand. Das sah alles nach reichlich Geld und viel körperlicher Energie aus. Aber: Er hat erfolgreich versucht, seine Wut wegzuatmen, sich gesammelt und wir haben nur die Kontaktdaten ausgetauscht. Er hat mich mehrere Monate warten lassen, ob er den Schaden der Versicherung meldet. Mich hätte die Prämienerhöhung damals finanziell übel belastet. Ich habe gut geschwitzt deshalb, denn ich konnte mir das Auto so schon kaum leisten.

Kurz vor Ablauf der Meldefrist habe ich ihn angerufen und gefragt, was er denn nun unternehmen wolle. Er sagte ganz locker: “Nichts. Ich wollte Sie nur zur Strafe ein bisschen schmoren lassen. Wer sich einen Lotus leisten kann, sollte sich auch einen Lackstift leisten können.”

Tausend Steine fielen mir vom Herzen und ich habe ihm tausendmal gedankt, denn er hat den Schaden vermutlich entweder nicht reparieren lassen oder die Reparatur selbst bezahlt. Auf so einer Tür malt bestimmt kein Autoliebhaber mit einem Lackstift.

Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich in den letzten 19 Jahren als Autobesitzer geschädigt wurde und kein Name dran stand. Es reicht! Vielleicht motiviert mein positives Erlebnis Menschen zu mehr Mut, zu einem Missgeschick zu stehen?

Wie stehst Du zu Flucht bei kleinen Schäden?