Braucht der Tod ein Gesicht?

Braucht der Tod ein Gesicht?

Bei einigen Themen dauert es ein bisschen, bis die Gedanken Sätze werden. Im Juli habe ich auf ZEIT ONLINE in der Serie 10 nach 8 den Artikel Abschiednahme: Das Gesicht des Todes aushalten gelesen. Der Artikel hat mich bewegt und ich möchte dazu etwas schreiben, vielleicht gerade weil ich eine ganz andere Einstellung dazu habe. Weil Tod und Abschiednahme Themen sind, die jeden etwas angehen – und sei es nur der eigene Tod und wie man sich da die Abschiednahme vorstellt, möchte ich dem Thema hier im Blog heute einen Platz geben.

Der Anblick eines Toten

… ist etwas, das vielen Menschen erspart bleibt und sie froh darüber sind. Andere Menschen – Berufsgruppen, die mit dem Tod zu tun haben, oder zufällige Berührungen damit wie bei Unfällen lasse ich hier außer Acht – brauchen den Anblick eines eng vertrauten Verstorbenen, um den Tod begreifen zu können und Abschied nehmen zu können.

Nicht für mich – weder aktiv noch passiv

Ich weiß ganz klar, dass ich in diesem Leben keine Leiche mehr sehen möchte. Außerdem weiß ich, dass ich nicht möchte, dass jemand aus meiner Familie oder Freunde mich als Leiche sieht. Ich möchte, dass die Menschen mich so in Erinnerung behalten, wie sie mich lebendig vor Augen hatten. Dass ich dann nicht mehr da bin, merken sie auch ohne den Anblick meiner Leiche im Kopf zu haben.

Es sind um mich herum schon sehr viele Menschen gestorben, leider nicht nur alte Menschen, die ihr Leben zu Ende gelebt haben. Einige Segelflieger haben dabei ihr Leben gelassen, zwei Menschen haben sich selbst das Leben genommen, Krebs hat reichlich zugeschlagen, Babys, ein Herzinfarkt und ein paar geplatzte Adern waren auch dabei. Einen gewöhnlichen Alterstod hatten die wenigsten Menschen, die um mich herum verstorben sind. Deshalb habe ich mich schon früh mit dem Thema beschäftigt, viel früher als die meisten anderen Menschen meiner Generation.

Die einzige Person, von der ich nach dem Tod persönlich Abschied genommen habe, ist meine Mutter. Diese Situation 2003 erlebt zu haben, gehört zu denen im Leben, die ich zutiefst bereue. Nie wieder würde ich in dieses Krankenhauszimmer gehen, wenn ich nochmal die Wahl hätte. Der Anblick der Toten hat mich jahrelang intensiv in Albträumen verfolgt, inzwischen zum Glück nur noch extrem selten. Obwohl es bald 15 Jahre her ist, habe ich den gruseligen Anblick immer noch vor Augen, dabei war es ein Krebstod, kein entstellender Unfall. Deshalb weiß ich genau: Für mich braucht der Tod kein Gesicht.

Jeder wie er mag

Ich finde es wichtig, dass jeder für sich solche Entscheidungen trifft und Bestatter auf die Wünsche der Hinterbliebenen oder den Verfügungen des Verstorbenen eingehen, denn mir ist natürlich klar, dass jeder Mensch das anders empfindet. Menschen, die anders fühlen als ich, möchten ihre Lieben vielleicht sogar selbst Waschen und bis ins Krematorium begleiten. Das Gute ist, dass das heute alles möglich ist.

Damit Deine Angehörigen wissen, wie Du das möchtest, ist es wichtig, zu Lebzeiten darüber zu reden. Im Beitrag Nach mir die Sintflut? habe ich 2016 bereits appelliert, sich nur ums Leben, sondern auch ums Ableben zu kümmern. Möchtest Du tot gesehen werden zum Abschied, wie möchtest Du wo beerdigt werden und wie soll eine eventuelle Trauerfeier aussehen?

Mich darf keiner aus dem persönlichen Umfeld sehen, wenn die Umstände das zulassen, auch mein Mann nicht. Ich möchte verbrannt und in der Ostsee versenkt werden bei Opa, Vater und Mutter. Wenn die Forschung mich billiger als eine Seebestattung will, kann die mich haben. Eine Trauerfeier braucht man für mich nicht zu machen, aber wenn das jemand möchte, bitte in bunter Kleidung. Ich kann Trauerkleidung nicht leiden, so will ich von meiner Wolke aus niemanden sehen. Weil das für mich alles geklärt ist, kann ich mich jetzt wieder dem fröhlichen Leben widmen.

Wie siehst Du das? Wie sind Deine Erfahrungen damit?

Ein Abschied

Sonnenuntergang in Wenningstedt auf Sylt„Man sieht die Sonne langsam
untergehen und erschrickt doch,
wenn es plötzlich dunkel ist.“

Dieses berührende Zitat von Franz Kafka steht auf einer Trauerkarte, die gerade auf meinem Schreibtisch steht. Im Beitrag Nach mir die Sintflut hatte ich erwähnt, jemanden regelmäßig im Hospiz zu besuchen.

Das mache ich jetzt nicht mehr …

Schwarzer November

Meyrose #ootd 20141008Schwarz ist eine Farbe, die sehr viele Menschen bei Kleidung gerne tragen, weil sie sie für einfach Kombinierbar halten. Deshalb ist sie auf jeden Fall ein Teil der Aktion Buntes 2014.

Persönlich habe ich viele Jahre fast ausschließlich schwarze Kleidung getragen und mich darin sehr wohl gefühlt. Es waren alles sehr schlichte, reduzierte, eher elegante Sachen, die zu meinem damaligen Job in der Hamburger Schifffahrtsbranche passten. Außerdem passten sie auch zu meinem inneren, weil Schwarz auch innere Ruhe geben kann. Aber:

Schwarz macht nicht glücklich, wenn man unglücklich ist
und
Schwarz macht nicht schlank, wenn man sich dick fühlt.*

Der Älter-Aussehen-Effekt kam mir zu Gute, weil ich schon seit dem Ende meiner Ausbildung immer wieder Positionen hatte, für die ich sehr jung war. Nicht umsonst trug ich auch noch eine schwarze Brille dazu. Trotzdem finde ich, dass Schwarz immer eine traurige Konotation hat. Selbst bei Menschen, denen die Farbe gut steht – für mich ist es optisch zu hart – hat Schwarz oft etwas Trübes. Tiefes Mitternachtsblau, Espressobraun oder ganz dunkles Anthrazit als Alternativen wirken interessanter und veredeln die Ausstrahlung.

Aktion Buntes 2014 im November mit SchwarzHeute ist tatsächlich ein etwas trauriger Tag für mich, denn ein Todesdatum in meiner Familie jährt sich. Passend zum Anlass zeige ich Euch den Ausschnitt eines schwarzen Kleides, das ich letzten Monat zu einer Beerdigung getragen habe. Das ist mein Beitrag zum schwarzen November der Aktion Buntes 2014. Damit das Ganze hier jetzt nicht zu betrüblich wird, schreibe ich Euch, was mir an der Trauerfeier letzten Monat so gut gefallen hat.

Gelebtes Leben

Die verstorbene Dame, eine Nachbarin meines Elternhauses, war 91 Jahre. Sie hatte lange einen Ehemann, zwei Kinder, zwei Enkel und drei Urenkel. Ein gelebtes Leben ging zu Ende und der Pastor hat es geschafft, ausschließlich Worte zu finden, die würdevoll-wertschätzend waren. Es war von Begleitung auf dem letzten Lebensweg, sich verabschieden, und getanem letzten Atemzug die Rede. Es fielen keine Worte wie bedauerlich, Krankheit, Qual, zu früh … wie es sonst bei solchen Anlässen meistens der Fall ist. Natürlich war es traurig und dieser Mensch wird mir fehlen. Aber ich habe noch bei keinem anderen Todesfall so sehr gespürt, dass es ein friedliches, natürliches, würdevolles, gutes Ende war, welches das Leben abgerundet hat.

Mehr kann man vom Leben nicht wollen, oder?

  1. * Dieser schöne Satz ist inhaltlich leider nicht von mir, ich habe ihn sinngemäß irgendwo gelesen. Ich glaube, es war in einem Buch von Eva Ruppert, in dem ich ihn aber gerade nicht finde. []