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Lesetipp – Warum wir andere Frauen so gnadenlos beurteilen

Werbung – Rezensionsexemplar

Sophie Passmann: Wie kann sie nur?

Wie kann sie nur?
Sophie Passmann

Gebundene Ausgabe, 240 Seiten
ISBN 978-3-462-00858-6
Erschienen am 12. März 2026 bei Kiepenheuer & Witsch (Werbung)
Eine Leseprobe und Bestellmöglichkeiten bei diversen Händlern findest Du auf der Verlagswebsite.

Über den alltäglichen Wahnsinn, eine Frau (im Internet) zu sein – highly relatable!

Botox oder »in Würde altern«, zu viele Selfies auf Instagram posten oder jeden Beauty-Trend auf TikTok mitmachen? Frauen im Internet stehen unter ständiger Beobachtung. Jedes Like kann zur Anklage werden, jeder Kommentar zum Politikum. »Wie kann sie nur?« 

Sophie Passmann ist selbst Teil der widersprüchlichen Welt weiblicher Selbstdarstellung in den sozialen Medien. Radikal selbstkritisch seziert sie die Phänomene, die eine ganze Generation prägen: von der asketischen Disziplin einer Hailey Bieber über die kalkulierte Görenhaftigkeit von Charli XCX bis zur neurotischen Perfektion von Taylor Swift. Warum sind wir alle so fasziniert von Frauen, die uns etwas vormachen – und gleichzeitig hassen wir sie genau dafür?

Sophie Passmann betrachtet den Zeitgeist wie niemand sonst: klug, selbstreflektiert und höchst unterhaltsam.“

Verlagstext Sophie Passmann, Wie kann sie nur?, Kiepenheuer & Witsch 2026

Sätze wie Was hat sie sich bloß dabei gedacht? oder Wie kann sie nur? denken wir alle ab und an, oder? Manches, was andere Frauen real und/oder im Internet tun, ist wie ein Unfall, bei dem man nicht weggucken kann, oder einfach nur zum Fremdschämen. Dabei ist es egal, ob es um einen neuen TikTok-Trend geht oder das Outfit der Person, die einem in der S-Bahn gegenüber sitzt.

Dass mich sowas stresst, ist einer der Gründe, warum ich nicht mehr in den Socials bin und nur noch 22 Blogs lese. Im wahren Leben kann ich nicht vor allem weglaufen. Das digitale Leben kann ich mir freier gestalten.

Das Buch von Sophie Passmann, Jahrgang 1994, habe ich gelesen, weil mich der Blick auf die mediale Welt aus der Perspektive einer jüngeren Frau interessiert. Ich mag ihre sarkastisch-ironischen, ehrlichen und pointierten Formulierungen, die umso dichter an der Wahrheit sind, je absurder sie klingen.

„Es bleibt einem früher oder später keine andere Wahl, man muss ertragen, eine Frau geworden zu sein.“

Sophie Passmann, Wie kann sie nur?, Kiepenheuer & Witsch 2026, Seite 222

Zumindest, wenn man das Geschlecht nicht ernsthaft wechseln möchte … Das unterstreicht definitiv meinen Wunsch, im nächsten Leben als Mann geboren zu werden – und in jedem weiteren, falls ich weitere Leben führe. Den Stress als Frau tue ich mir nicht noch mal an. Im Buch finde ich interessant, wie Sophie Passmann auf andere Frauen blickt, sie seziert und sich auf der anderen Seite davon abgrenzt.

„Ich kann jede Version sein, die ihr von mir sehen wollt.“

Sophie Passmann, Wie kann sie nur?, Kiepenheuer & Witsch 2026, Seite 232

So wie man echten Menschen nicht hinter die Stirn gucken kann, bekommen wir im Internet noch viel mehr eine fein kuratierte Version einer Person präsentiert. Die Gedanken von Sophie Passmann dazu finde ich absolut lesenswert.

Das Buch besteht aus kurzen, essayartigen Beobachtungen zu Frauenbildern in Social Media, Popkultur und Alltag. Sophie Passmann verbindet eigene Erfahrungen mit prominenten Beispielen und kommentiert diese pointiert. Leser_innen, die sich für mediale Selbstbilder interessieren und eine persönliche, zugespitzte Perspektive schätzen, werden die Texte mögen.

Hand aufs Herz – wie oft denkst du: „Wie kann sie nur?“
Und wie oft richtet sich dieser Gedanke am Ende gegen andere Frauen statt gegen das eigene Urteil?

PS: Ich mag meinen Bauchnabel. Wirklich.

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Lesetipp – Elas Selbstfindung

Werbung – Rezensionsexemplar

Junge Frau mit Katze - Daniela Dröscher

Junge Frau mit Katze
Daniela Dröscher

Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
ISBN 978-3-462-00761-9
Erschienen am 14. August 2025 bei Kiepenheuer & Witsch (Werbung)
Eine Leseprobe und Bestellmöglichkeiten bei diversen Händlern findest Du auf der Verlagswebsite. Ich habe es als E-Book gelesen.

„Alles ist schwierig, bevor es leicht wird: Daniela Dröscher erzählt so intensiv wie humorvoll von einer Frau, die endlich Verantwortung für das eigene Glück übernimmt.

Zeit ihres Lebens stand Ela wortwörtlich im Schatten ihrer Mutter. Deren dicker Körper, so die Überzeugung des Vaters, war für das Unglück der gesamten Familie verantwortlich. Nun ist Ela erwachsen und es ist ihr eigener, ihr kranker, Körper, der sie verzweifeln lässt. Kurz vor dem Abschluss ihrer Promotion erlebt Ela einen Zusammenbruch. Während sie unbewusst mit der Frage ringt, ob sie ihren Platz in der akademischen Welt wirklich verdient hat, rebelliert ihr Körper: der Hals, das Herz, die Haut – Ela steht in Flammen und gerät in immer größere Panik.

So wie die Geschichte ihrer Mutter, der Daniela Dröscher ihren großen Romanerfolg »Lügen über meine Mutter« gewidmet hat, ist auch Elas späte Selbstfindung und Selbstermächtigung meisterhaft autofiktional konstruiert, psychologisch mitreißend und hinreißend komisch.“

Verlagstext

Es ist das erste Buch, das ich von der Autorin gelesen habe. Vom ersten Moment an war ich direkt drin der Geschichte. Da ich über zu viele Spiegelneuronen verfüge und Gefühle anderer Menschen auf mich übergehen – wenn ich sehe, wie sich jemand im Film schneidet, fühle ich den Schmerz und zucke zusammen – bin ich phasenweise sehr empathisch in Elas Leben eingetaucht.

Der Roman ist nichts für Hypochonder, Menschen mit Ängsten vor Krankheiten und Prüfungen. Die könnten beim Lesen gepflegt durchdrehen. Das Buch besteht in weiten Teilen aus intensiven Beschreibungen von Krankheitssymptomen und Elas Panik vor der Verteidigung ihrer Doktorarbeit.

Die Geschichte ist eine Reise, auf der Elas Körper und ihr Geist wieder zusammenfinden. Sie braucht lange, um zu begreifen, dass sie etwas ändern muss im Leben, damit es besser werden kann. Als sie den Schlüssel dafür findet, fallen die Dinge an die richtigen Stellen im Kopf. Hast du Lust, Ela dabei zu begleiten? Dann ist das ein Buch für dich.

Wie sehr fühlst du dich beim Lesen in Charaktere ein?

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Lesetipp – Gibt es das Matriarchat?

Werbung – Rezensionsexemplar

Urlaub vom Patriarchat - Wie ich auszog, das Frausein zu verstehen - Friederike Oertel

Urlaub vom Patriarchat
Wie ich auszog, um das Frausein zu verstehen
Friederike Oertel

Paperback, 336 Seiten
ISBN 978-3-462-00628-5
Erschienen am 8. Mai 2025 bei Kiepenheuer & Witsch (Werbung)
Eine Leseprobe und Bestellmöglichkeiten bei diversen Händlern findest Du auf der Verlagswebsite.

„Ermüdet und genervt vom Alltag im Patriarchat bricht Friederike Oertel zu einer Reise nach Mexiko auf – in eines der letzten Matriarchate der Welt. Sie möchte Abstand gewinnen, von den Frauen vor Ort lernen, mit neuen Perspektiven nach Hause zurückkehren. Doch auch im Matriarchat ist Frausein komplizierter als erwartet.

In Juchitán läuft vieles anders: Frauen sind die Oberhäupter ihrer Familie, Besitz wird von Müttern an die Töchter vererbt und Muxe, Menschen eines dritten Geschlechts, sind gesellschaftlich normalisiert. Auf dem dicht gedrängten Markt, den Friederike Oertel mit ihrer Gastschwester besucht, betreiben Frauen den Handel, auf Festen geben sie den Ton an. Diese »Stadt der Frauen« gilt in Dokumentarfilmen und Büchern als Matriarchat und damit als gelebter Gegenentwurf zum Patriarchat.

In einer Sprache, die die flirrenden Farben des Ortes lebendig werden lässt, und mit einem einfühlsamen Blick auf eine Stadtgesellschaft, die nach eigenen Regeln funktioniert, erkundet die Autorin ihr eigenes Frausein, geht Selbstzweifeln und Widersprüchen nach, hinterfragt Rollenerwartungen und lässt sich von Gefühlen überrollen und durchspülen. Die jahrhundertealte Idee des Matriarchats ist gleichzeitig Mythos und Realität, sie stellt Friederike Oertels Leben auf den Kopf und hilft ihr, das Frausein im Patriarchat neu zu betrachten.“

Verlagstext

Das Buch wurde mir im Rahmen einer Blogger-Aktion des Verlags als Rezensionsexemplar geschickt. Leider habe ich es nicht vorab erhalten wie geplant, so dass der Beitrag nicht zum Erscheinungstermin veröffentlicht wurde.

Dass ich zwei Wochen gebraucht habe, um das Buch zu lesen, ist gutes und schlechtes Zeichen zugleich. Gut ist daran, dass mich das Thema intensiv beschäftigt hat und ich dank der Autorin tief in die Geschichte eingetaucht bin. Nicht so gut war, dass ich das Lesen zum Teil etwas mühsam fand – die Erklärung dafür sind 25 Seiten Literaturhinweise und Quellenangaben im Anhang. Dennoch ist es ein Lesetipp.

Friederike Oertel beschreibt in dem Buch nicht nur ihre eigenen Gefühle und Sichtweisen; sie nimmt auf Studien und Texte anderer Autor_innen Bezug. Dadurch liest sich das Buch teilweise eher wie eine wissenschaftliche Arbeit als ein Sach- oder Kulturbuch.

Das hat mir gefallen, weil sie das Thema Matriarchat versus Patriarchat umfassend beleuchtet und mehr Objektivität darin steckt, als wenn eine einzelne Person ihre individuelle Sichtweise darstellt. Am Ende kommt sie zur Erkenntnis:

„Das Matriarchat bin ich.“

Friederike Oertel, Urlaub vom Patriarchat – Wie ich auszog, um das Frausein zu verstehen, Seite 305

Auf dem Weg dahin steht nicht nur immer wieder die Frage, ob die Menschen in Juchitán in einem Matriarchat leben, sondern wie man es als Frau schafft, sich gerade zu machen. Unter dem Strich hat sich mir beim Lesen mein lebenslanges Gefühl verfestigt: Als Frau (und alles zwischen CIS-Frau und -Mann) hat man in der Gesellschaft die Arschkarte gezogen. Die Welt ist auf Männer ausgerichtet. Das geht los bei der Dosis von Medikamenten, Sicherheitsgurten im Auto bis hin zur gesellschaftlich anerkannten Äußerung von intensiven Emotionen.

Die Wut, die Friederike Oertel in sich trägt, kenne ich nur zu gut. Sie schreibt (vgl. Seite 286), dass wenn alle, die in patriarchalischen Systemen unterdrückt werden, sich wehren würden, ihren Frust und ihren Zorn zulassen und Gerechtigkeit einfordern würden, kein Stein auf dem anderen bliebe. Wut helfe, eigene Grenzen zu erkennen und zu verteidigen. Sie heißt ihre Wut willkommen als Beistand, damit sie für sich einstehen kann und sieht Wut als Widerstand. Der inhaltliche Kontext, auf den sie dabei Bezug nimmt, ist ein sexueller Übergriff, gegen den sie sich samt ihrer Wut erfolgreich zur Wehr setzt.

Mit Wut dagegen anzukämpfen ist das eine. Das andere ist, dass es unfassbar ist, dass es im Jahr 2025 immer noch derartige Übergriffe gibt und wie verharmlost die oft werden. Klar kann man sich in vielen Fällen dagegen wehren, habe ich auch schon. Aber ich hasse es, einem Geschlecht anzugehören, dass weltweit permanent derartigen Übergriffen ausgesetzt wird. Ist ein Mann wütend, ist er stark. Ist eine Frau wütend, gilt sie als hysterisch. Noch Fragen?

Für wen ist das Buch ein Lesetipp? Für Frauen, die Lust haben, sich mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft zu beschäftigen. Für junge Frauen, die auf der Suche nach ihrem Platz darin sind. Die Autorin ist meinem Eindruck nach drei Monaten in Mexico einen erheblichen Schritt weitergekommen auf dem Weg zu dem, wie sie leben möchte.

Was denkst Du über die Stellung der Frauen in der Gesellschaft?

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Lesetipp ***** Familienbande 2

Werbung – Rezensionsexemplar

Sommerschwestern - Die Nacht der Lichter - von Monika Peetz

Sommerschwestern – Die Nacht der Lichter
Die Sommerschwestern-Romane, Band 2
von Monika Peetz

Paperback, 304 Seiten
ISBN 978-3-462-00398-7
Erschienen am 9. März 2023 bei Kiepenheuer & Witsch (Werbung)
Eine Leseprobe und Bestellmöglichkeiten bei diversen Händlern findest Du auf der Verlagswebsite.

Monika Peetz’ vier »Sommerschwestern« kehren zurück an ihren Ferienort Bergen an der holländischen Nordseeküste, auf der Spur des großen Familiengeheimnisses. Eine spannende Suche nach der Wahrheit über den Tod ihres Vaters vor sommerlicher Urlaubskulisse.

Jede Familie hat ein Geheimnis. Die Familie Thalberg hatte zwei. Das Rezept für den besten Käsekuchen der Welt und die Frage, was wirklich in der Sturmnacht geschehen war, in der der Vater verunglückte. In den großen Ferien kehren die vier Sommerschwestern an die holländische Nordseeküste zurück. Der Strandurlaub verwandelt sich in die ultimative Zerreißprobe. Ein mysteriöser Verfolger lässt die Konflikte zwischen den vier Frauen eskalieren. Alles kreist um die entscheidende Frage: Wohin war Johannes Thalberg in der Sturmnacht unterwegs? Jede der Schwestern kennt ein Stück der Wahrheit. Und jede hat etwas zu verbergen.“

Verlagstext

Im April 2022 habe ich Dir den ersten Band der Sommerschwestern empfohlen mit den Worten Wenn man das alles in 304 Seiten unterbringt, ist es ganz schön viel. Für mich hätte das Buch durchaus 500 Seiten haben können und dafür hätte ich dann auch gerne die Perspektiven von Doro und Henriette gelesen. 

Damals wusste ich nicht, dass zwei Bände folgen würden. Da hatte wohl noch jemand das Gefühl, dass diese Geschichte nicht zu Ende erzählt war. Heute stelle ich Dir Band 2 – Die Nacht der Lichter vor. Band 3 – Flaschenpost aus der Vergangenheit ist für den 7. März 2024 beim Verlag in Planung und steht bereits jetzt auf meiner Wunschliste.

Die Trilogie

Wenn Dich die Sommerschwestern interessieren, empfehle ich Dir, sie in der Reihenfolge zu lesen. Ohne die Informationen aus Band 1 hätte sich mir Band 2 nicht erschlossen. Schön für Leserinnen, die gerne dicke Bücher mögen und Band 1 noch nicht kennen: Die beiden Bände kannst Du jetzt direkt nacheinander lesen. Oder Du wartest noch ein Jahr und verschlingst drei Bände in einem Rutsch.

Sommerschwestern – Die Nacht der Lichter – Band 2

Nun zurück zu Band 2: Die Geschichte des Romans steuert in Bergen auf die Nacht der Lichter zu, den sogenannten Lichtjesavond. Das ist die Nacht, in der 20 Jahre zuvor der Vater der vier Frauen in einer Sturmnacht bei einem Autounfall verunglückt ist.

Während in Band 1 Mutter Henriette die vier Töchter nach Bergen zitiert, um sie zu ihrer Hochzeit einzuladen, geht der Urlaub in diesem Jahr von Hellen aus. Sie lädt ihre drei Schwestern in die Villa ein, in der sie vor 20 Jahren gewohnt haben und hofft, die Wahrheit darüber herauszufinden, was damals wirklich in der Nacht passiert ist.

Im Gegensatz zu ihr haben ihre Schwestern allerdings nicht das Bedürfnis, die Vergangenheit zu beleuchten, sondern wollen in die Zukunft blicken. Meiner Erfahrung als Mediatorin funktioniert das nicht. Und so ist es auch bei den vier Frauen: Unbeschwert geht keine von ihnen durchs Leben.

„Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.“

August Bebel

Dieser Band spielt primär in den Perspektiven von Yella und Hellen. Amelie taucht immer wieder am Rande auf. Doro hat in Präsenz in Bergen die kleinste Rolle der Schwestern, in den Gedanken der Schwestern und in der Familie neben der Mutter für die Handlung hingegen eine immense.

„“Familie ist wie ein Instrument, das man erlernt“, hatte Yella einmal ihren Therapeuten Dr. Deniz zitiert. „Man muss Mühe und Liebe hineinstecken, bevor man von seinem Instrument zurückgeliebt wird.““

Hellens Gedanken, Seite 17

Das Band zwischen Doro und Henriette und die Abgrenzung der beiden von Yella, Hellen und Amelie hat seit dem Vorjahr weiter zugenommen. Hellens Erkenntnis am Ende des Buchs ist, dass nicht die Schwestern ihr Leben so kompliziert machen, sondern Henriette (vgl. Seite 333).

Wie so viele Mütter verweigert Henriette einen erwachsenen Dialog mit ihren Töchtern, weil sie darin Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen müsste. Diese Spielchen spielende Mutter ist schlichtweg ein Alptraum für mindestens drei ihrer Töchter.

Da ich derartige emotionale Spielchen, in denen sich jemand permanent zum Opfer macht und andere Menschen gegeneinander auszuspielen versucht, nur schwer ertragen kann, bin ich froh, dass Henriette in diesem Band nur selten am Telefon mal zu Wort kam. Bin gespannt, wie sich das im dritten Teil entwickelt.

Hellen ist für mich die Haupterzählfigur im zweiten Teil. Schön finde ich, wie sie ihre Beziehung zu Yella und vor allem deren beiden kleinen Söhnen vertieft. Ihre zweieiige Zwillingsschwester Amelie war für sie immer auf einem anderen Stern und auch diesen scheint sie langsam zu begreifen. Amelie hat für den Moment einen guten Platz für sich in Bergen bei ihrer Freundin gefunden, Doro tobt weiter durchs Chaos ihres Kreativlebens.

Die Schwestern kommen am Ende der Lösung ihrer Fragen recht nah, aber es fehlen immer noch Puzzleteile. Bin gespannt, ob Doro im dritten Teil zu Wort kommt oder weiter im Hintergrund durch die Leben ihrer Schwestern wirbelt. Ich freue mich jetzt schon auf das Lesen in einem Jahr!

Bist Du auch Fan der Sommerschwestern?

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Lesetipp ***** Was siehst Du in Deinem Gesicht?

Werbung – Rezensionsexemplar

"Sich sehen - Gespräche über das Gesicht" von Ursula März und Luiza Braun mit Portraitfotos von Fabian Schellhorn

Sich sehen
Gespräche über das Gesicht
von Ursula März und Luiza Braun
mit Porträts des Fotografen Fabian Schellhorn

Gebundene Ausgabe, 348 Seiten
ISBN 978-3-86971-248-2
Erschienen am 8. September 2022 bei Galiani Berlin (Werbung)
Eine Leseprobe und Bestellmöglichkeiten bei diversen Händlern findest Du auf der Verlagswebsite.

„Luzia Braun und Ursula März treffen prominente und nichtprominente Persönlichkeiten zu eingehenden Gesprächen über blaue Augen, Spiegelstadium, Visagenzorn und Super-Recognizer.

Eine moderne Kulturgeschichte des Gesichts – mit Peter Sloterdijk (Philosoph), Meike Ramon (Neurowissenschaftlerin), Wolfgang Joop (Mode-Designer), Robert Seethaler (Schriftsteller), Tanja Fischer (Dermatologin), Anastasia Biefang (Bundeswehr-Kommandeurin), Axel Schulz (Boxer), Adriana Altaras (Schauspielerin und Autorin), Eric Wrede (Bestatter) u.v.m.

Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit war das eigene Gesicht so allgegenwärtig wie heute. Ob auf Fotografien, in Filmaufnahmen, Videochats oder im Spiegel – ständig sehen wir uns selbst. Doch was macht das mit uns? Lebten unsere Vorfahren, die viel seltener mit dem eigenen Abbild konfrontiert waren, vielleicht unbefangener? Hilft die pausenlose Selbstbegegnung bei der Selbsterkenntnis?
Das Gesicht als Bühne der Seele – gilt das noch im Zeitalter der ständigen Selbstoptimierung?

Die Journalistinnen Luzia Braun und Ursula März haben 19 Menschen getroffen, die aus verschiedenen Blickwinkeln über das Gesicht nachdenken – als Boxer oder Influencerin, Modemacher oder Dermatologin, als Zwilling oder Transgender, als Philosoph oder Bestatter, als Schriftstellerin oder als jemand, dessen Gesicht sich radikal veränderte.

Lebens- und berufserfahren erzählen diese Persönlichkeiten mit großer Offenheit und Klugheit über unser wichtigstes Ausdrucksmittel und davon, was »sich sehen« für sie bedeutet.

Verlagstext

Interessant finde ich, dass die Portraitfotos immer erst am Ende des jeweiligen Interviews zu sehen sind. Wenn man die Person nicht bereits von Bildern kennt, entsteht im Kopf erst einmal ein ganz anderer Eindruck, als wenn die Autoren mit den Portraitfotos beginnen würden.

Stattdessen startet jedes Kapitel mit einem Intro der Autorinnen mit Gedanken zu der Person, die sie interviewen werden, oder dem Thema, für das die Person steht. Die Interviews beginnen nach Möglichkeit damit, dass vor der Person ein Handspiegel aufgestellt wird und die Frage

„Können Sie bitte beschreiben, was Sie im Spiegel sehen?“

Seite 19

gestellt wird. Spannend finde ich, wie unterschiedlich Menschen ihr eigenes Gesicht beschreiben. Einige sind eher sachlich und beschreiben Formen und Farben. Andere formulieren eher Emotionen wie Fröhlichkeit oder Traurigkeit. Einige sehen ganz selbstverständlich sich und andere können mit ihrem Spiegelbild wenig anfangen oder meiden es im Alltag sogar gezielt.

„Die Unsicherheit gegenüber dem eigenen Gesicht ist die Stellvertreterin einer Art existenzieller Gesamtunsicherheit.“

Seite 257

An dieser Stelle verrate ich Dir ein Geheimnis: Mit Licht mag ich mein Gesicht im Spiegelbild gerne sehen. Im Dunkeln habe ich Angst vor meinem Spiegelbild. Deshalb bin ich froh, dass nachts eine Straßenlaterne in mein Badezimmer scheint, so dass es nie ganz dunkel ist.

Wie siehst Du Dein Gesicht in einem Spiegel?