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Lesetipp: Ein Neuanfang zwischen Tieren, Chaos und Selbstfindung

Werbung – Rezensionsexemplar

Gekommen um zu bleiben von Madeleine Becker

Gekommen, um zu bleiben
Unser Haus im Wald – Von Hühnern, Hürden und dem Zauber eines Neuanfangs
Madeleine Becker

Originalausgabe, Paperback, Klappenbroschur, 288 Seiten
ISBN 978-3-442-30241-3
Erschienen am 11. März 2026 im Goldmann Verlag (Werbung)
Bestellmöglichkeiten bei diversen Händlern findest Du auf der Verlagswebsite.

„Madeleine Becker hat den Schritt gewagt: Gemeinsam mit Freund Lukas und zahlreichen borstigen, gefiederten und befellten Tierfreund*innen zieht sie in das Haus im Wald – einen alten Bauernhof in der Steiermark, den es erst einmal zu renovieren gilt. Klar, dass dabei nicht immer alles reibungslos läuft, vor allem aber findet die »Wald-WG« heraus, was es wirklich zum Glücklichsein braucht. Eine von der Abendsonne in goldenes Licht getauchte Obstwiese zum Beispiel, Krähen, die die Hühner vor Bussarden retten, einen Kater, der am liebsten im Gewächshaus schläft, und jede Menge Tomaten.

In der idyllischen Landschaft im Süden Österreichs kann Madeleine sich auf das Wesentliche besinnen: Wie kann ich Menschen- und Tierwohl bestmöglich vereinen? Was kann ich als einzelne Person im Kleinen für die Umwelt tun? Mit welchen Menschen möchte ich mich umgeben? Und nicht zuletzt die alles entscheidende Frage: Welches Leben möchte ich leben?

Verlagstext Madeleine Becker, Gekommen, um zu bleiben, Goldmann Verlag 2026

Auf das Buch bin ich über eine Promotion des Verlages gekommen. Ich kannte die Autorin zuvor nicht. Auf Instagram ist sie bekannt unter dem Profil @frau_freudig. Sie hat bereits zwei Bücher übers Landleben veröffentlicht: Erstmal für immer. Vom Hörsaal in den Kuhstall und Hin und weg. (Über)Leben auf dem Bauernhof – zwischen Kühen, Krisen und Kohlrabi. Das aktuelle Buch Gekommen, um zu bleiben beschreibt ihr Leben in ihrem Haus im Wald, das sie mit ihrem Partner Lukas 2023 bezogen hat.

Das Buch spielt zwischen 2023 und 2025 und ist tagebuchartig geschrieben, nicht wortwörtlich das ganze Jahr durch – es ist ein tagebuchartiges Resümee ihrer letzten zwei Jahre im Haus im Wald.

Madeleine und Lukas haben das Haus in der Weststeiermark in den Bergen als kleinen Bauernhof gekauft, um dort mit sieben Kühen, neun Wollschweinen, Hühnern, Katern, Kaninchen und auch ein paar unfreiwillig dazu gezogenen Tieren ein Zuhause zu finden.

Vorher waren die beiden von 2019 bis 2023 zusammen auf dem Hof seiner Eltern, die Milchviehwirtschaft betreiben. Dort gab es heftige Generationskonflikte und ziemlich viel Knatsch, sodass die beiden dann beschlossen, sich was Eigenes aufzubauen.

Der Untertitel des Buchs Unser Haus im Wald – Von Kühen, Hürden und dem Zauber eines Neuanfangs ist wörtlich zu nehmen. Es beginnt mit dem Neuanfang auf dem Hof im September 2023. Lukas und Madeleine sind fluchtartig aus Kärnten abgereist. Sie haben ihre Sachen quasi über Nacht eingepackt und mussten zusehen, dass sie irgendwie alles mitkriegen. Sie konnten noch ein paar Tiere nachholen und das war’s dann.

Es hat einen glatten Schnitt zu Lukas‘ Familie gegeben. Was davor passiert ist in dem Generationenkonflikt, weiß ich nicht. Das wird man vermutlich in den beiden Büchern erfahren. Fakt ist, sie haben komplett den Kontakt zur Familie abgebrochen und wollen sich im Haus im Wald was Neues ausbauen.

Madeleine geht neben der umfassenden Arbeit auf dem Hof weiter ihrer Berufstätigkeit als Autorin und Content-Creatorin nach, Lukas arbeitet als Rettungssanitäter – erst noch in Vollzeit, dann reduziert er auf halbtags.

Bei der Renovierung des Hauses im Wald fallen ihnen immer wieder Hürden vor die Füße. Tiere büxen aus, machen irgendwas kaputt, Dinge stellen sich als ganz anders raus, als sie sich das vorher vorgestellt haben.

Nach vier Jahren Dauerstress auf dem Hof von Lukas’ Familie in Kärnten ist die neue Situation ungewohnt. Auf dem neuen Hof in der Weststeiermark versuchen sie, gemeinsam Fuß zu fassen. Zum ersten Mal sind sie wirklich nur auf sich selbst gestellt. Dieses Leben zu zweit kannten sie vorher so noch gar nicht.

Über die zwei Jahre hinweg, in denen das Buch spielt – es endet im September 2025, kommen immer wieder Praktikant_innen, Freund_innen und Helfer_innen auf den Hof, um die beiden zu unterstützen. Das klappt mal besser und mal schlechter. Am Ende entwickelt sich das Ganze zu einer Art Wald-WG mit wechselnden Bewohner_innen neben der Stammbesetzung Madeleine und Lukas.

Beide sind sehr glücklich mit der Situation, dass so viele Menschen, mit denen sie sich gut verstehen, auf den Hof kommen. Sie selbst haben kaum die Möglichkeit, den Hof zu verlassen, um Freund_innen oder ihre Familie zu besuchen, weil die vielen Tiere versorgt werden müssen.

Es ist eine sehr besondere Form von Lebensraum, die Madeleine und Lukas sich dort geschaffen haben. Sie bietet viel Gestaltungsspielraum und Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln. Manche Dinge gehen schief, manchmal sogar wortwörtlich. An anderen wächst man schnell. Und manchmal wächst einem dabei auch eine unbezähmbare Glyzinie über das Dach.

Vom ersten Satz an war ich beim Lesen direkt drin in der Geschichte. Ich hatte das Gefühl, ich lebe mit auf diesem Hof. Ich sehe das, ich fühle das. Es gibt einen Schwung Farbbilder in dem Buch zur Vervollständigung der Eindrücke.

Die Bilder habe ich erst an den jeweiligen Stellen im Buch angeguckt und nicht vorgeblättert, weil ich mich davon nicht beeinflussen wollte in meiner Vorstellung. Die Bilder, die beim Lesen in meinem Kopf entstanden sind, vielleicht auch ein bisschen geprägt vom Titelbild, passten zu den Fotografien, die dann im Buch zu sehen sind. Das spricht für die bildhaften Texte der Autorin.

Für wen ist das Buch was?

Wer Interesse daran hat, das Leben einer Anfang-30-jährigen Frau kennenzulernen, die einen unkonventionellen Lebensweg gewählt hat, wird Freude am Buch haben. Sie stürzt sich mit Kopf, Herz und Händen in Projekte, geht darin völlig auf und handelt mit Leidenschaft – manchmal bis zum Verzweifeln und darüber hinaus.

Auch Menschen, die gerne mit Tieren leben oder sich so ein Leben vorstellen können, werden Gefallen an der Geschichte finden. Wer denkt, ein kleiner Hof mit ein paar Tieren sei einfach zu bewirtschaften, kann außerdem noch einiges lernen: Was gut klappt, was man besser anders macht und was man besser bleiben lässt.

Madeleine Becker fasst ihre Learnings im Buch teilweise in Listen zusammen. Sie zeigt, was der Garten, die Tiere oder das Haus ihr im Laufe dieser zwei Jahre beigebracht haben. Sie ist Gekommen, um zu bleiben. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob es so ist.

Wie würdest du gerne leben?

PS: Falls du dich wunderst, dass meine Sprache in diesem Blogbeitrag ein bisschen anders als gewohnt klingt, liegt das daran, dass ich den Text nicht getippt, sondern ihn als Sprachnachrichten eingesprochen und in Text habe umwandeln lassen. Ich spreche ausführlicher, als ich schreibe. Dazu interessiert mich dein Feedback.

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Lesetipp: Pragmatismus und Widerstand – Hannas Leben in Magdeburg im 20. Jahrhundert

Werbung – Rezensionsexemplar

Schwebende Lasten Annett Gröschner

Schwebende Lasten
Annett Gröschner

Hardcover, 282 Seiten
ISBN 978-3-406-82973-4
8. Auflage, 2026, Verlag C.H.Beck (Werbung)
Bestellmöglichkeiten und eine Leseprobe findest du auf der Verlagswebsite. Ich habe es als E-Book gelesen.

„Nicht weniger als ein ganzes Leben erzählt Annett Gröschner mit der Geschichte der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause – mit einer Wucht und Poesie, wie sie nur dort entstehen können, wo die Literatur wirklichkeitssatt ist.

Hanna Krause war Blumenbinderin, bevor das Leben sie zur Kranführerin machte. Sie hat zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt, hat sechs Kinder geboren und zwei davon nicht begraben können, was ihr naheging bis zum Lebensende. Hatte später, nachdem ihr Blumenladen längst Geschichte war, von einem Kran in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebes in Magdeburg einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen zehn Meter unter ihr und starb rechtzeitig, bevor sie die Welt nicht mehr verstand. Hanna Krause blieb bis zu ihrem Tod eine, die das Leben nimmt, wie es kommt. Ihr einziges Credo: anständig bleiben. Annett Gröschners Roman erzählt die Geschichte eines Jahrhunderts in einem einzigen Leben und gibt, mit Hanna, denen ein Gesicht, die zu oft unsichtbar bleiben. Ein Roman über das Ende des Industriezeitalters und seiner Heldinnen im Osten Deutschlands – und über eine gewöhnliche Frau in diesem unfassbaren 20. Jahrhundert.“

Annett Gröschner, Schwebende Lasten, Verlag C.H.Beck 2026, 8. Auflage

Chat zu Schwebende Lasten mit Leserin Susanne Nagel

Susanne: Liebe Ines, unbedingt lesen! Schöne Sprache auf den Punkt gebracht, Leben über zwei Generationen im Osten, Frauen im Osten.

Ines: Danke für den Tipp, liebe Susanne! Das Buch kam sofort auf meine Leseliste! Du hast Schwebende Lasten als Hörbuch genossen und bist dabei in einen Teil deiner eigenen Familiengeschichte in Magdeburg zu DDR-Zeiten geraten. Wo liegen die Parallelen?

Susanne: Dieses Buch hat mich schnell gepackt, zum einen, weil die Autorin ungeschönt, aus meinen Erfahrungen mit familiären Erzählungen auch sehr realistisch, ein normales Leben in spannenden Zeiten schildert.

Hanna ist so alt wie meine Großmutter, die von 1912 bis 2008 lebte, ich erkenne so manche Dinge aus dem Leben einer Frau dieser Zeit wieder, obwohl sich die Erlebnisse kaum decken. Und natürlich kenne ich Magdeburg.

Meine Eltern sind Ende der 70er Jahre aus beruflichen Gründen meines Vaters nach Magdeburg gezogen. Ich blieb wegen meines Studiums im Norden und war eigentlich nur noch zu Besuch bei ihnen bis in die frühen 2000er Jahre. Die Stadt war mir nicht eng vertraut, aber natürlich habe ich Erinnerungen an große Freiflächen in der Innenstadt und an Veränderungen nach 1989.

Vieles deckt sich mit den Schilderungen im Buch: Unser Haus lag zwischen dem SKET, der Fabrik, in der Hanna und ihr Mann gearbeitet haben, und ihrer Wohnung in Sudenburg. Hanna fährt mit dem Rad durch unsere Straße. Die Anatomie der jetzigen Universität kommt kurz vor im Roman, mein Vater war fast zehn Jahre Direktor am Institut …

Neu waren für mich die Beschreibungen der Vorkriegszeit und eine Ahnung davon, wie dicht besiedelt und wie schön die Stadt gewesen sein muss. Wir kennen das ja von vielen deutschen Großstädten, die im Krieg zerstört wurden. Das Knattergebirge war mir unbekannt. Mein Bruder hat mir einiges darüber erzählt, er ist jünger als ich und in Magdeburg aufgewachsen. Das fand ich natürlich sehr interessant.

Ines: Dass Magdeburg mal so eine schöne Stadt in der Vorkriegszeit war, wusste ich auch nicht. Beim Lesen wurde mir deutlich, dass ich über diese Stadt, in der ich schon dreimal war, im Grunde gar nichts wusste. Bei meinen Besuchen standen Menschen im Vordergrund, nicht Stadtentwicklung.

Die Figur der Hanna hat mir gefallen. Hanna ist pragmatisch und fleißig. Sie nimmt das Leben mit seinen Möglichkeiten und Widrigkeiten an. In kurzen klaren Sätzen begleiten wir Hanna von einem Drama zum nächsten.

„Bevor Hanna grübeln konnte, war sie schon am Machen.“

Annett Gröschner, Schwebende Lasten, Verlag C.H.Beck 2026,, 8. Auflage, Seite 121 im E-Book

Bemerkenswert finde ich, wie wenig sie mit dem Schicksal hadert und wie sie immer wieder Wege findet, ihr Leben zu bewältigen.

„Hanna Krause blieb bis zu ihrem Tod eine, die das Leben nimmt, wie es kommt. Ihr einziges Credo: anständig bleiben.“

Annett Gröschner, Schwebende Lasten, Verlag C.H.Beck 2026, , 8. Auflage, Seite 248 im E-Book

Susanne: Ja, Hanna fackelt nicht lange, es gelingt ihr, mit pragmatischen Entscheidungen die Familie zusammen zu halten und durchzubringen.

Ich denke, dass viele Frauen dieser Zeit und sozialen Schicht ähnlich agiert haben. Was blieb ihnen anderes übrig? Armut, Krieg und Überlebenswille erfordern Geschick und realistische Tatsachen zu schaffen. Darin erkenne ich natürlich auch die Rolle, die Frauen in der DDR gesellschaftlich gesteuert einnehmen sollten.

Mir gefällt an dem Roman, dass dies nicht überbetont wird und auch Hannas Widerstand gegen Vorurteile oder staatliche Zwänge immer wieder durchblitzt. Das ist mir alles bekannt, ohne, dass ich diese materiellen Nöte erfahren habe.

Ines: Die Gefühle für ihre Kinder sind ja sehr unterschiedlich. Wie ging es dir damit beim Lesen?

Susanne: Ich kann mir vorstellen, dass Hannas Beziehungen zu ihren Kindern nicht bei allen Lesern und Leserinnen gut ankommen. Für mich passt das, selbst die unterschiedlichen Bindungen. Letztlich ist aus allen was geworden, auch wenn diese Erzählungen nur angedeutet werden (was mir übrigens gefällt, so bleibt noch Raum für eigene Gedanken ihre Leben weiter zu spinnen).

Manche Andeutungen lassen große Trauer ahnen, manche Mitgefühl und Ärger… Ich finde, wie im richtigen Leben. In den Gefühlen zu ihren Kindern steckt auch viel Zuneigung.

Ines: Die verschiedenen Gefühle für ihre Kinder sind vermutlich normal, nur es ist nicht üblich, darüber zu reden. Von daher finde ich es erfrischend, das mal so ungeschönt zu betrachten.

Susanne: Ja, das sehe ich auch so.

Ines: Auf welche Weise Hannas Widerstand gegen staatliche Zwänge durchblitzt, ist für mich als Person, die in Westdeutschland sozialisiert wurde, spannend. Auch dabei gefällt mir ihr Pragmatismus. Vor allem findet sie eigene Wege, ohne anderen dabei zu schaden. Wie stehst du zur Rolle ihres Ehemanns Karl?

Susanne: Karl ist als Randfigur sehr gut gezeichnet. Heute würde sie wohl manche Entscheidungen mit ihm anders treffen. Damals war das wohl kaum möglich. Und dennoch sehe ich ihn als Partner, dem sie Fürsorge angedeihen lässt. Berührend fand ich die Kapitel seiner letzten Lebenszeit, mehr Zuneigung war ja kaum möglich in dieser Generation und in ihrem sozialen Umfeld.

Ines: Mir ist Karl extrem unsympathisch. Den hätte ich beim Lesen gerne mal so richtig durchgeschüttelt. Leider hatte Hanna damals vermutlich wirklich keine echte Chance, den von mir als nichtsnutzig empfundenen Kerl loszuwerden. Dass sie sich zum Lebensende so zusammengefunden haben mit- und nebeneinander hat mich ein bisschen mit seiner Rolle versöhnt.

Susanne: Bei Karl stimme ich dir zu, aber ich glaube, dass Hanna so einen Partner mit vielen Frauen ihres Milieus teilen musste.

Ines: Leider realistisch also …

Susanne: Anzunehmen, sie musste sich arrangieren. Ein Unterhaltungsroman hätte vermutlich den Bogen zum eigenen Blumengeschäft nach dem Krieg geschlagen und auch die Begegnung mit dem Unbekannten wieder aufgenommen und aufgelöst. Dass dieser Faden in den Kapitelüberschriften aufgegriffen wird ist eine schöne Reminiszenz an ihre Leidenschaft. Und ich habe einiges dazu gelernt.

Persönlich habe ich das Kapitel über den Besuch im Mauritshuis gern gehört, ich war da nämlich im letzten Frühjahr zu Besuch und erinnere mich sehr gut an die Blumenstilleben.

Ines: Den Bogen mit den Blumen mochte ich auch sehr.

Susanne: Was denkst du über Hannas Rolle im männerdominierenden Beruf? Empfindest du die Schilderungen als realistisch oder glorifizieren sie für dich das Bild der werktätigen Frau im Sozialismus?

Ines: Da bin ich zwiegespalten, weil ich das nicht wirklich beurteilen kann. Zu Beginn machen die Männer es ihr schwer, dann erwirbt sie ihre Anerkennung durch hervorragende Arbeit und weil sie sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Was ich mich zur werktätigen Frau im Sozialismus gefragt habe, inwieweit es realistisch ist, dass sie teilweise wirklich ihre kleinen Kinder mit auf den Kran hätte nehmen können. Das erschien mir übertrieben. Auch dass die Frage der Kinderbetreuung insgesamt im Grunde keine Rolle spielte.

Dass es einen Betriebskindergarten gab, erleichtert es für die werktätige Frau natürlich. Bei so vielen Kindern war mit Sicherheit aber auch ständig eins krank oder konnte aus einem anderen Grund nicht in den Kindergarten gehen. Der Umgang damit erscheint mir sehr vereinfacht dargestellt. Oder wurden in der DDR kranke Kinder in den Kindergarten gebracht?

Susanne: Die Schilderungen im Werk waren für mich einerseits realistisch, andererseits aber auch vereinfacht dargestellt. Normalerweise hat man weder kranke Kinder in den Kindergarten gebracht und bestimmt nicht auf einen Kran geschleppt. Aber dieser Arbeitsalltag ist mir fremd.

Hier ist sicher einiges Dichtung, wir lesen ja einen Roman und keine Dokumentation. Trotzdem fand ich die Beschreibungen für alle diese Situationen sehr treffend. So wie mir auch insgesamt die Sprache des Romans gefallen hat.

Hat dich der Roman dazu angeregt, mehr von der Autorin zu lesen? Auf meiner Liste steht auf alle Fälle der Roman Moskauer Eis! Schon deshalb, weil ich mich an den besonderen Geschmack erinnern kann …

Ines: Moskauer Eis sagte mir gar nichts – also das Eis. Klingt lecker! Und der Roman ist bestimmt ebenso lesenswert wie Schwebende Lasten. Interessant am Schreibstil von Annett Gröschner sind die beiläufigen Vorschauen in die Zukunft von Hannas Leben.

„Auch als Elisabeth schon auf der Welt war, lief Hanna immer noch Freitagabends mit ihren Blumensträußchen durch Straßen, die ein Jahrzehnt später aus dem Stadtplan verschwunden sein würden.“

Annett Gröschner, Schwebende Lasten, Verlag C.H.Beck 2026, 8. Auflage, Seite 45 im E-Book

Ich mag dabei sowohl den Blick in die Glaskugel des Lebens als auch die unaufgeregte Sachlichkeit. Wie hast du das empfunden?

Susanne: Das fand ich auch besonders schön und man darf nicht unbedingt erwarten, dass die Andeutungen weiter gesponnen werden … Aber mehr sollten wir eventuell nicht verraten. Wobei der Roman keine Pointe hat, wie das Leben selbst. Oder?

Ines: Stimmt!

Ist das ein Roman für dich?

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Lesetipp: Jeanne, Iris & Théo – Wenn Fremde Familie werden

Werbung – Rezensionsexemplar

Unser Tag ist heute von Virginie Grimaldi

Unser Tag ist heute
Virginie Grimaldi

Paperback, Klappenbroschur, 336 Seiten
Deutsche Erstausgabe
Aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle
Originaltitel Il nous restera ca
Originalverlag Éditions Fayard, Paris 2022
ISBN 978-3-328-60329-0
Erschienen am 13. März 2024 im Penguin Verlag (Werbung)
Bestellmöglichkeiten und eine Leseprobe findest du auf der Verlagswebsite. Ich habe es als E-Book gelesen.

„Jeanne, 74, hat kürzlich ihren Mann verloren und findet sich in einer einsamen und finanziell prekären Situation wieder. Iris, 33 und schwanger, ist einer toxischen Beziehung entflohen, versteckt sich in Paris, wo sie aus dem Koffer lebt, und sucht nach einer Unterkunft. Théo, 18, Konditorlehrling ohne festen Wohnsitz, hat Jahre im Heim hinter sich, Erinnerungen an eine desolate Kindheit im Gepäck und braucht ebenfalls dringend eine Bleibe.

Geplagt von Geldsorgen kommt Jeanne auf die Idee, einen Untermieter in ihre große Pariser Wohnung aufzunehmen. Aus einem werden zwei, und so findet sich eine auf den ersten Blick ungewöhnliche WG zusammen. Eine Schicksalsgemeinschaft, aus der bald so viel mehr wird: Ersatzfamilie und Freunde fürs Leben.“

Verlagstext – Virginie Grimaldi, Unser Tag ist heute, Penguin 2025

Weil Jeanne sich nicht zwischen Iris und Théo als Untermieter entscheiden kann, räumt sie ein Zimmer mehr frei als geplant und stürzt sich als Rentnerin ins WG-Leben. Zuerst zieht sich Jeanne sehr zurück, weil sie die Anwesenheit fremder Menschen in ihrer Wohnung nicht gewohnt ist.

Es dauert nicht lange, bis die drei wie zufällig gemeinsam zu Abend zu essen beginnen und sich die Leben verweben. Sogar Jeannes Lust aufs Nähen, das sie nach Pierres Tod eingestellt hat, kommt zurück. Sie war über 40 Jahre Schneiderin bei Dior und kann aus Stoffresten Traumstücke zaubern. Jeannes Dackel Boudine freut sich über das neue Gassi-Personal.

Ein zaghaftes Abtasten von Nähe- und Distanzbedürfnis führt am Ende dazu, dass die drei erst Freunde und dann eine Ersatzfamilie füreinander werden und sich gegenseitig beschützen.

„Es gibt Bindungen, die Jahrzehnte brauchen, um sich zu festigen, während andere schon nach kurzer Zeit unauflöslich sind. Diese Bindungen sind Gewissheiten.“

Virginie Grimaldi, Unser Tag ist heute, Penguin 2025, Iris auf Seite 301 im E-Book

Iris braucht Schutz vor ihrem Ex-Partner Jérémy, der sie stalkt und klein halten will. Er spielt sich als ihr Retter und Beschützer auf, will ihr jedoch nur schaden. Sie hat lange gebraucht, um das zu erkennen. Jetzt gibt es für sie kein zurück mehr.

Théo hat so lange im Schutz der Einsamkeit im Heim gelebt, dass er sich sofort in seine Höhle zurückzieht, wenn irgendetwas ihm zu nahe kommt.

Die beiden bringen Leben in Jeannes Bude und finden Mut, sich ein erwachsenes Leben aufzubauen.

„Inzwischen glaube ich nämlich, es ist normal, nicht normal zu sein.“

Virginie Grimaldi, Unser Tag ist heute, Penguin 2025, Théo auf Seite 163 im E-Book

Jeanne wird von dem betrügerischen Medium Monsieur Kafka ausgenutzt, der angeblich mit Pierre kommuniziert. Sie besucht Pierre täglich zu einer festen Zeit auf dem Friedhof als Ritual des Trauerns und zum Aufrechterhalten der Bindung. Ihr Weg in dem Roman ist der in ein Leben ohne Pierre, der immer in ihren Gedanken bleiben wird.

Fazit: Das ist der schönste Roman, den ich seit Offene See gelesen habe.

Wie möchtest du im Alter leben?

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Lesetipp – Das Fuchserl

Werbung – Rezensionsexemplar

Rauhnaechte von Ellen Sandberg

Rauhnächte
Ellen Sandberg

Originalausgabe, Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN 978-3-328-60437-2
Erschienen am 12. November 2025 im Penguin Verlag (Werbung)
Eine Leseprobe und Bestellmöglichkeiten bei diversen Händlern findest Du auf der Verlagswebsite.

Ellen Sandberg ist das Pseudonym von Inge Löhnig. Unter ihrem bürgerlichen Namen veröffentlicht sie Kriminalromane. Dem Roman Raunächte liegt der 2014 im Arena Verlag unter dem Titel Die Flammen flüstern dein Lied von Inge Löhnig veröffentliche Jugendroman zugrunde. Die Geschichte wurde als Raunächte von der Autorin vollständig neu erzählt. Falls dir das Buch bekannt vorkommt, hast du es in der früheren Fassung vielleicht bereits gelesen.

Leider finden sich diese Hinweise nur im Buch selbst und nicht auf der Website des Verlags. Das finde ich schade, denn ich habe wegen solcher Überarbeitungen und neuem Titel schon mehrfach Bücher gekauft, die sich mir inhaltlich bereits bekannt herausgestellt haben. In diesem Fall hatte ich Glück: Das Lesevergnügen war ein frisches für mich und Raunächte ist absolut verschlingenswert.

„„Sie darf das nie erfahren. Du hast es mir versprochen!“ Wie ein Faustschlag trifft dieser Satz die 22-jährige Pia an Heiligabend, als sie ein Streitgespräch ihrer Eltern belauscht. Als sie kurz darauf herausfindet, dass sie mit vier Jahren adoptiert wurde, bricht ihre bis dahin gekannte Welt vollends zusammen. Schon ihr Leben lang fühlte sie sich anders, seltsam fremd, als ob ein Tabu sie umgibt. Nun scheint all das bestätigt. Auf der Suche nach Antworten fährt Pia nach Wasserburg am Inn, dem Heimatort ihrer leiblichen Mutter. Der Raureif hängt tief in den winterlichen Inn Auen und durch das mittelalterliche Städtchen tanzen schauerliche Gestalten, die nach altem Brauch die Geister vertreiben sollen. In den Rauhnächten, so sagt man, drängen alte, gut gehütete Geheimnisse wieder an die Oberfläche. Und je näher Pia der Wahrheit über ihre Mutter kommt, desto enger ziehen die Geister der Vergangenheit ihre Kreise um sie. Bis Pia in tödlicher Gefahr schwebt …“

Verlagstext – Ellen Sandberg, Rauhnächte, Penguin Verlag 2025

Pia spürt schon am Abend des 24. Dezember das in der Luft liegenden Drama ihrer Eltern. Mutter Katrin stürzt sich in Perfektion, ihr Vater tut extrem entspannt – beide trinken an dem Abend zu viel. Es eskaliert in einem Ehekrach der Eltern. Auf der einen Seite weiß Pia, dass sie ihrer Geschichte auf den Grund gehen muss. Auf der anderen Seite hat sie enorme Angst davor, denn sie mag keine Veränderungen.

Das Gefühl falsch auf der Welt und nicht liebenswert zu sein, hat sie 21 Jahre lang begleitet. Weil das so nicht für sie weiter gehen kann, begibt sie sich auf die Suche ihrer leiblichen Eltern. Ihre Mutter ist verstorben, der Vater laut Geburtsurkunde unbekannt. Herauszufinden, wer ihr Vater ist, scheint unmöglich zu sein – oder nicht? Das große Thema des Romans ist ungewollte Kinderlosigkeit und was das aus Menschen machen kann.

Pia fährt in die Nähe von Wassersleben, wo ihre Familie mütterlicherseits lebt, sie selbst die ersten vier Jahre ihres Lebens verbracht hat und von ihrer Tante Sonja Land und Gebäude geerbt hat. Das Erbe wird bis zum 25. Lebensjahr von ihrer Adoptivmutter verwaltet.

Sonja hat bis zu ihrem Tod dort mit ihrer besten Freundin Bettina das Verve-Meditationszentrum betrieben. Nach Sonjas Tod hat Bettina es mit ihrem Mann Stefan übernommen und modernisiert. Pia quartiert sich dort in einem kleinen alten Waschhäuschen auf dem Grundstück ein, der Villa Lavanda, in der sie schon als Kind gespielt hat.

Drei Jahre schon hat Pia ihre Großeltern in Wasserburg nicht mehr gesehen. Wollten ihre Eltern das bewusst seit dem 18. Geburtstag nicht mehr? Was wissen sämtliche Dorfbewohner von alt bis jung offenbar über sie, wovon sie keine Ahnung hat?

Ihr schlägt offene Feindseligkeit entgegen und die Aufforderung, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Pia hat kein Verständnis für den Umgang der Menschen im Ort mit ihr. Lediglich ein junger Mann, Ansgar, zeigt sich ihr gegenüber hilfsbereit. Das erzeugt trotz der Dankbarkeit dafür gleichzeitig Misstrauen, denn seine Motive sind ihr unklar und im Umgang mit Männern wurde sie bisher nur enttäuscht.

Oma sagte immer, dass sie ein Fuchserl sei. Das bezieht sich auf ihre fuchsroten Haare und dass ihre Urururgroßmutter Barbara als letzte Hexe in Bayern auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Pia mochte ihre roten Haare noch nie und sieht es als Kränkung an, Fuchserl genannt zu werden. Was ihre Oma ihr mit diesem Namen Positives sagen möchte, versteht sie erst am Ende der Geschichte.

Pia hat lebenslang Alpträume, die mit Füchsen, Schlangen und Eishöhlen zu tun haben. In der Zeit in Wasserburg erkennt sie schrittweise die Realität darin. Im Traum will ihr jemand Böses und jemand Gutes. Doch wer steht im wahren Leben für was davon? Die Esoterik ihrer Tante und anderen Vorjahren liegt ihr fern, weltliche Beweise zu finden ist aber auch schwer möglich.

Pia ist im Heute Anfang 20. Dass die Geschichte primär aus ihrer Perspektive erzählt wird, hat mir gefallen, denn ich lese selten Bücher, in denen die Hauptdarstellerinnen so jung sind. Der Roman spielt kompakt zwischen dem 24. Dezember und 6. Januar. Das mag ich, weil es die Handlung angenehm auf den Punkt bringt.

Insgesamt hat mir der Roman genauso gut gefallen wie alle Sandberg-Romane bisher. Es ist ein in einem Rutsch zu lesendes Lesevergnügen trotz des ernsten Themas.

Am Rande: Lustigerweise war ich schon mal in Wasserburg und das zu einer Heldenreise, die in einem abgeschiedenen Seminarhaus stattfand. Dabei habe ich beim Lesen oft gedacht, wenn es um das Verve-Meditationszentrum und Sonjas Ideale ging.

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Lesetipp – Eine Wahlfamilie in den Trümmern

Werbung – Rezensionsexemplar

In den Scherben das Licht von Carmen Korn

In den Scherben das Licht
Carmen Korn

Originalausgabe, Taschenbuch, 416 Seiten
ISBN 978-3-463-00072-5
Erschienen am 11. November 2025 im Rowohlt Kindler Verlag (Werbung)
Bestellmöglichkeiten bei diversen Händlern findest Du auf der Verlagswebsite.

„Hamburg, 1946: In den Trümmern der zerbombten Stadt treffen Gert und Gisela aufeinander. Zwei junge Menschen, die ihre Familien im Krieg verloren haben und die nun in diesem harten Nachkriegswinter nach Hoffnung suchen. Sie finden sie im Keller eines Hauses, das der einstigen Schauspielerin Friede Wahrlich gehört. Eine ungewöhnliche Frau, die in ihrer eigenen Vergangenheit gefangen ist und doch fest daran glaubt, dass sich aus dem Chaos eine hellere Zukunft formen lässt. In ihrer Küche wächst eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig Halt gibt. Aber die Schatten der Vergangenheit sind lang: Was geschah mit Giselas Familie? Lebt Gerts kleine Schwester noch? Und was wurde aus den beiden Männern, die Friede einst liebte?“

Verlagstext – Carmen Korn, In den Scherben das Licht, Rowohlt Kindler Verlag 2025

Von der Autorin habe ich dir bereits Und die Welt war jung, die Jahrhundert-Trilogie Töchter einer neuen Zeit, Zeiten des Aufbruchs, Zeitenwende und den Roman Die geliehene Schuld vorgestellt. Auch im aktuellen Roman widmet Carmen Korn sich der Nachkriegszeit in Deutschland: Er spielt von 1946 bis 1955 in Hamburg.

1946 – bitterkalt ist es und bitterarm sind Gert, 15, und Gisela, 14, als sie sich in Friedes Keller kennenlernen. Beide sind familienlos durch den Krieg. Schnell freunden sie sich an, die Chemie zwischen ihnen stimmt. Trotz der harten Lebensumstände schaffen sie es, sich ein kleines Heim im dunklen, kalten Keller zu bauen und einen Sinn im Sein zu finden.

Gerts Eltern sind tot, doch die Suche nach seiner jüngeren Schwester Barbara gibt er nicht auf. Gisela hat den Großteil der Erinnerungen verloren bis zu der Bombennacht, in der sie als einzige im Keller überlebt hat. Es ist davon auszugehen, dass ihre Mutter in dem Feuersturm umgekommen ist. Ihr Vater war als Fotograf im Krieg und gilt als Verschollen. Sie steht alleine da und ist bereit, das zu akzeptieren und sich ein neues Leben aufzubauen. Sie hängt nicht an der Vergangenheit, das ist eher ein Thema von Gert.

Von Friedes Haus in der Tornquiststraße stehen nur noch Keller und Erdgeschoss. Der Rest ist dem Krieg zum Opfer gefallen. Ihre einstige Freundin Martha geht ein und aus – die beiden sind heute eher Freindinnen als Freundinnen. Sie hängen aus Nostaligie aneinander, aber Marthas Handeln ist vom Falschheit geprägt.

Zu sehr neidet Martha der ehemaligen Schauspielerin und Salondame Friede den früheren Ruhm, das elegante Leben und das heutige Haus, auch wenn es nicht mehr ganz steht. Selbst hat sie vor dem Krieg als Garderobiere im Altonaer Stadttheater gearbeitet, 1946 schlägt sie sich auf dem Schwarzmarkt durch, später versucht sie sich mit wenig Erfolg an diversen Geschäftsmodellen. Es klebt kein Glück an ihr.

Ein Geheimnis wird um Friedes beiden Liebschaften gemacht, die sie vor dem Krieg hatte. Viktor Franke war bis 1938 Theaterkritiker für den Hamburger Anzeiger. Diesen neun Jahre jüngeren Liebhaber hat Friede im Stich gelassen, als er aus der Haft im Konzentrationslager Fuhlsbüttel kam, in die er als Jude in der Reichspogromnacht genommen wurde. Kurz darauf wurde er nach Lodz deportiert.

Martha meint, Viktor nach dem Krieg in der Stadt gesehen zu haben, doch Friede will davon nichts wissen. Ihm geht es genauso. Viktor und Friede sind sich unabhängig voneinander einig, nicht mehr die Nähe des anderen zu suchen, auch wenn das Umfeld der beiden es immer wieder versucht. Viktor hat es schwer genug, sich in Hamburg ein neues Leben in der Medienwelt aufzubauen. Mit Friede ist er durch. Lieber verbringt er seine Zeit in Ruhe mit anderen Menschen.

„Es gibt noch eine andere Schuld als die strafrechtliche.“

Carmen Korn, In den Scherben das Licht, Rowohlt Kindler Verlag 2025, Seite 267

Friedes anderer Liebhaber war Palutke, der sich im Krieg an jüdischem Eigentum bereichert hat und auch im Nachkriegsdeutschland zu den geschäftlich erfolgreichen Menschen zählt. Friede geht ihm aus dem Weg, weil sie die Befürchtung hat, dass die Deportation von Viktor auf sein Konto geht. Martha hat Kontakt zu Palutke und mischt sich immer wieder ungebeten in Friedes Leben ein.

Robert, Schauspieler und Bühnenbauer, hat Gisela von Franken aus der Verschickung nach Hamburg mitgenommen. Durch ihn bekommt Friede die Möglichkeit, wieder eine Beletage auf ihr Haus zu bauen und eine Künstlerpension aufzubauen. Es finden interessante Menschen zu ihr, die ihr wie Kindern ans Herz wachsen. Die Menschen im Haus in der Tornquiststraße werden zu einer Wahlfamilie.

Ich mag die unaufgeregte Sprache, die sich den Emotionen der Personen entgegenstellt. Die Geschichte baut sich sehr langsam auf und betrachtet die besonders harten Nachkriegsjahre bis zur Währungsreform 1949. Erst danach ging es wirtschaftlich spürbar aufwärts. Bis zum Ende des Romans 1955 wird vieles gut. Auf dem Weg dahin dominiert phasenweise eine gewisse Melancholie.

Mit dem Einstieg in das Buch habe ich mich schwer getan, erst ab der Mitte hatte es mich richtig. Das letzte Viertel hat mir am besten gefallen, als etwas mehr Dynamik in die Handlung kam und lose Fäden zueinander fanden. Welche Fäden das sind, verrate ich dir nicht, um dir die Spannung beim Lesen zu lassen.

Als Hamburgerin hat mir mal wieder besonders gut gefallen, die Straßenzüge in Eimsbüttel, Harvestehude und der Neustadt zu kennen, durch die die Romanfiguren streifen.

Den Roman haben Nicole und ich zeitgleich als Rezensionsexemplare gelesen. Ihre Rezension findest du im Blog Life with a glow. Ich bin gespannt, wie ihr das Buch gefallen hat!

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