Werbung – Rezensionsexemplar

Schwebende Lasten
Annett Gröschner
Hardcover, 282 Seiten
ISBN 978-3-406-82973-4
8. Auflage, 2026, Verlag C.H.Beck (Werbung)
Bestellmöglichkeiten und eine Leseprobe findest du auf der Verlagswebsite. Ich habe es als E-Book gelesen.
„Nicht weniger als ein ganzes Leben erzählt Annett Gröschner mit der Geschichte der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause – mit einer Wucht und Poesie, wie sie nur dort entstehen können, wo die Literatur wirklichkeitssatt ist.
Hanna Krause war Blumenbinderin, bevor das Leben sie zur Kranführerin machte. Sie hat zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt, hat sechs Kinder geboren und zwei davon nicht begraben können, was ihr naheging bis zum Lebensende. Hatte später, nachdem ihr Blumenladen längst Geschichte war, von einem Kran in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebes in Magdeburg einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen zehn Meter unter ihr und starb rechtzeitig, bevor sie die Welt nicht mehr verstand. Hanna Krause blieb bis zu ihrem Tod eine, die das Leben nimmt, wie es kommt. Ihr einziges Credo: anständig bleiben. Annett Gröschners Roman erzählt die Geschichte eines Jahrhunderts in einem einzigen Leben und gibt, mit Hanna, denen ein Gesicht, die zu oft unsichtbar bleiben. Ein Roman über das Ende des Industriezeitalters und seiner Heldinnen im Osten Deutschlands – und über eine gewöhnliche Frau in diesem unfassbaren 20. Jahrhundert.“
Annett Gröschner, Schwebende Lasten, Verlag C.H.Beck 2026, 8. Auflage
Chat zu Schwebende Lasten mit Leserin Susanne Nagel
Susanne: Liebe Ines, unbedingt lesen! Schöne Sprache auf den Punkt gebracht, Leben über zwei Generationen im Osten, Frauen im Osten.
Ines: Danke für den Tipp, liebe Susanne! Das Buch kam sofort auf meine Leseliste! Du hast Schwebende Lasten als Hörbuch genossen und bist dabei in einen Teil deiner eigenen Familiengeschichte in Magdeburg zu DDR-Zeiten geraten. Wo liegen die Parallelen?
Susanne: Dieses Buch hat mich schnell gepackt, zum einen, weil die Autorin ungeschönt, aus meinen Erfahrungen mit familiären Erzählungen auch sehr realistisch, ein normales Leben in spannenden Zeiten schildert.
Hanna ist so alt wie meine Großmutter, die von 1912 bis 2008 lebte, ich erkenne so manche Dinge aus dem Leben einer Frau dieser Zeit wieder, obwohl sich die Erlebnisse kaum decken. Und natürlich kenne ich Magdeburg.
Meine Eltern sind Ende der 70er Jahre aus beruflichen Gründen meines Vaters nach Magdeburg gezogen. Ich blieb wegen meines Studiums im Norden und war eigentlich nur noch zu Besuch bei ihnen bis in die frühen 2000er Jahre. Die Stadt war mir nicht eng vertraut, aber natürlich habe ich Erinnerungen an große Freiflächen in der Innenstadt und an Veränderungen nach 1989.
Vieles deckt sich mit den Schilderungen im Buch: Unser Haus lag zwischen dem SKET, der Fabrik, in der Hanna und ihr Mann gearbeitet haben, und ihrer Wohnung in Sudenburg. Hanna fährt mit dem Rad durch unsere Straße. Die Anatomie der jetzigen Universität kommt kurz vor im Roman, mein Vater war fast zehn Jahre Direktor am Institut …
Neu waren für mich die Beschreibungen der Vorkriegszeit und eine Ahnung davon, wie dicht besiedelt und wie schön die Stadt gewesen sein muss. Wir kennen das ja von vielen deutschen Großstädten, die im Krieg zerstört wurden. Das Knattergebirge war mir unbekannt. Mein Bruder hat mir einiges darüber erzählt, er ist jünger als ich und in Magdeburg aufgewachsen. Das fand ich natürlich sehr interessant.
Ines: Dass Magdeburg mal so eine schöne Stadt in der Vorkriegszeit war, wusste ich auch nicht. Beim Lesen wurde mir deutlich, dass ich über diese Stadt, in der ich schon dreimal war, im Grunde gar nichts wusste. Bei meinen Besuchen standen Menschen im Vordergrund, nicht Stadtentwicklung.
Die Figur der Hanna hat mir gefallen. Hanna ist pragmatisch und fleißig. Sie nimmt das Leben mit seinen Möglichkeiten und Widrigkeiten an. In kurzen klaren Sätzen begleiten wir Hanna von einem Drama zum nächsten.
„Bevor Hanna grübeln konnte, war sie schon am Machen.“
Annett Gröschner, Schwebende Lasten, Verlag C.H.Beck 2026,, 8. Auflage, Seite 121 im E-Book
Bemerkenswert finde ich, wie wenig sie mit dem Schicksal hadert und wie sie immer wieder Wege findet, ihr Leben zu bewältigen.
„Hanna Krause blieb bis zu ihrem Tod eine, die das Leben nimmt, wie es kommt. Ihr einziges Credo: anständig bleiben.“
Annett Gröschner, Schwebende Lasten, Verlag C.H.Beck 2026, , 8. Auflage, Seite 248 im E-Book
Susanne: Ja, Hanna fackelt nicht lange, es gelingt ihr, mit pragmatischen Entscheidungen die Familie zusammen zu halten und durchzubringen.
Ich denke, dass viele Frauen dieser Zeit und sozialen Schicht ähnlich agiert haben. Was blieb ihnen anderes übrig? Armut, Krieg und Überlebenswille erfordern Geschick und realistische Tatsachen zu schaffen. Darin erkenne ich natürlich auch die Rolle, die Frauen in der DDR gesellschaftlich gesteuert einnehmen sollten.
Mir gefällt an dem Roman, dass dies nicht überbetont wird und auch Hannas Widerstand gegen Vorurteile oder staatliche Zwänge immer wieder durchblitzt. Das ist mir alles bekannt, ohne, dass ich diese materiellen Nöte erfahren habe.
Ines: Die Gefühle für ihre Kinder sind ja sehr unterschiedlich. Wie ging es dir damit beim Lesen?
Susanne: Ich kann mir vorstellen, dass Hannas Beziehungen zu ihren Kindern nicht bei allen Lesern und Leserinnen gut ankommen. Für mich passt das, selbst die unterschiedlichen Bindungen. Letztlich ist aus allen was geworden, auch wenn diese Erzählungen nur angedeutet werden (was mir übrigens gefällt, so bleibt noch Raum für eigene Gedanken ihre Leben weiter zu spinnen).
Manche Andeutungen lassen große Trauer ahnen, manche Mitgefühl und Ärger… Ich finde, wie im richtigen Leben. In den Gefühlen zu ihren Kindern steckt auch viel Zuneigung.
Ines: Die verschiedenen Gefühle für ihre Kinder sind vermutlich normal, nur es ist nicht üblich, darüber zu reden. Von daher finde ich es erfrischend, das mal so ungeschönt zu betrachten.
Susanne: Ja, das sehe ich auch so.
Ines: Auf welche Weise Hannas Widerstand gegen staatliche Zwänge durchblitzt, ist für mich als Person, die in Westdeutschland sozialisiert wurde, spannend. Auch dabei gefällt mir ihr Pragmatismus. Vor allem findet sie eigene Wege, ohne anderen dabei zu schaden. Wie stehst du zur Rolle ihres Ehemanns Karl?
Susanne: Karl ist als Randfigur sehr gut gezeichnet. Heute würde sie wohl manche Entscheidungen mit ihm anders treffen. Damals war das wohl kaum möglich. Und dennoch sehe ich ihn als Partner, dem sie Fürsorge angedeihen lässt. Berührend fand ich die Kapitel seiner letzten Lebenszeit, mehr Zuneigung war ja kaum möglich in dieser Generation und in ihrem sozialen Umfeld.
Ines: Mir ist Karl extrem unsympathisch. Den hätte ich beim Lesen gerne mal so richtig durchgeschüttelt. Leider hatte Hanna damals vermutlich wirklich keine echte Chance, den von mir als nichtsnutzig empfundenen Kerl loszuwerden. Dass sie sich zum Lebensende so zusammengefunden haben mit- und nebeneinander hat mich ein bisschen mit seiner Rolle versöhnt.
Susanne: Bei Karl stimme ich dir zu, aber ich glaube, dass Hanna so einen Partner mit vielen Frauen ihres Milieus teilen musste.
Ines: Leider realistisch also …
Susanne: Anzunehmen, sie musste sich arrangieren. Ein Unterhaltungsroman hätte vermutlich den Bogen zum eigenen Blumengeschäft nach dem Krieg geschlagen und auch die Begegnung mit dem Unbekannten wieder aufgenommen und aufgelöst. Dass dieser Faden in den Kapitelüberschriften aufgegriffen wird ist eine schöne Reminiszenz an ihre Leidenschaft. Und ich habe einiges dazu gelernt.
Persönlich habe ich das Kapitel über den Besuch im Mauritshuis gern gehört, ich war da nämlich im letzten Frühjahr zu Besuch und erinnere mich sehr gut an die Blumenstilleben.
Ines: Den Bogen mit den Blumen mochte ich auch sehr.
Susanne: Was denkst du über Hannas Rolle im männerdominierenden Beruf? Empfindest du die Schilderungen als realistisch oder glorifizieren sie für dich das Bild der werktätigen Frau im Sozialismus?
Ines: Da bin ich zwiegespalten, weil ich das nicht wirklich beurteilen kann. Zu Beginn machen die Männer es ihr schwer, dann erwirbt sie ihre Anerkennung durch hervorragende Arbeit und weil sie sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Was ich mich zur werktätigen Frau im Sozialismus gefragt habe, inwieweit es realistisch ist, dass sie teilweise wirklich ihre kleinen Kinder mit auf den Kran hätte nehmen können. Das erschien mir übertrieben. Auch dass die Frage der Kinderbetreuung insgesamt im Grunde keine Rolle spielte.
Dass es einen Betriebskindergarten gab, erleichtert es für die werktätige Frau natürlich. Bei so vielen Kindern war mit Sicherheit aber auch ständig eins krank oder konnte aus einem anderen Grund nicht in den Kindergarten gehen. Der Umgang damit erscheint mir sehr vereinfacht dargestellt. Oder wurden in der DDR kranke Kinder in den Kindergarten gebracht?
Susanne: Die Schilderungen im Werk waren für mich einerseits realistisch, andererseits aber auch vereinfacht dargestellt. Normalerweise hat man weder kranke Kinder in den Kindergarten gebracht und bestimmt nicht auf einen Kran geschleppt. Aber dieser Arbeitsalltag ist mir fremd.
Hier ist sicher einiges Dichtung, wir lesen ja einen Roman und keine Dokumentation. Trotzdem fand ich die Beschreibungen für alle diese Situationen sehr treffend. So wie mir auch insgesamt die Sprache des Romans gefallen hat.
Hat dich der Roman dazu angeregt, mehr von der Autorin zu lesen? Auf meiner Liste steht auf alle Fälle der Roman Moskauer Eis! Schon deshalb, weil ich mich an den besonderen Geschmack erinnern kann …
Ines: Moskauer Eis sagte mir gar nichts – also das Eis. Klingt lecker! Und der Roman ist bestimmt ebenso lesenswert wie Schwebende Lasten. Interessant am Schreibstil von Annett Gröschner sind die beiläufigen Vorschauen in die Zukunft von Hannas Leben.
„Auch als Elisabeth schon auf der Welt war, lief Hanna immer noch Freitagabends mit ihren Blumensträußchen durch Straßen, die ein Jahrzehnt später aus dem Stadtplan verschwunden sein würden.“
Annett Gröschner, Schwebende Lasten, Verlag C.H.Beck 2026, 8. Auflage, Seite 45 im E-Book
Ich mag dabei sowohl den Blick in die Glaskugel des Lebens als auch die unaufgeregte Sachlichkeit. Wie hast du das empfunden?
Susanne: Das fand ich auch besonders schön und man darf nicht unbedingt erwarten, dass die Andeutungen weiter gesponnen werden … Aber mehr sollten wir eventuell nicht verraten. Wobei der Roman keine Pointe hat, wie das Leben selbst. Oder?
Ines: Stimmt!
Ist das ein Roman für dich?
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